Zweite internationale Kunstwoche in der Kulturfabrik:
Struktur - natürlich künstlich
Das Thema "natürlich künstlich" ist natürlich künstlich, eine gesetzte Vereinfachung, an der es sich reiben läßt.
es gibt in der neuzeitlichen Kunstgeschichte den zeitpunkt,
an dem sich die kunst von ihrer rolle,
eine landschaft (oder eine person) malerisch zu kopieren, gelöst hat,
wo der individuell erfahrende eindruck gemalt wird (impressionismus,
pointilismus, expressionismus), ab diesem punkt heißt "künstlerisch"
nicht nur handwerkliches können, sondern auch gestalten wollen.
an dem punkt, wo sich die kunst löst, kommt die struktur ins spiel,
die struktur der pinselstriche (van gogh), die struktur der punkte,
die struktur der farben und formen,
je nach kunstrichtung treten einzelne strukturelle elemente
in den vordergrund (z.B. die stellenweise destruierte form im kubismus)
struktur zeichnet sich aus durch wiederholung, nur dadurch wird sie struktur.
ein sandkorn bliebe ein singuläres ereignis, nur durch die wiederholung
entsteht die körnung.
die wiederholung muss nicht exakt sein, eine ähnlichkeit reicht
Ein Beispiel für eine Rhizomstruktur ist das Internet. Es ist immerfort
in Bewegung,
es ist ein unaufhörlicher Prozeß, der sich fortdauern nach allen
Seiten ausdehnt, nur bremst.
um gleich wieder fortzufahren.
Im Gegensatz zur Logikund Rationalität ist es seine Art, auf die Vielheiten
und Verkettungen hinzuweisen
und Verbindungen und Netzwerke herzustellen, statt einzuteilen, zu strukturieren
und
aufzugliedern. Als Wurzel- bzw. Knäuelphilosophie kann das Rhizom alles
mit allem,
verküpfen und vermischen. Die ganze Liebe des rhizomatischem Denken gilt
der unendlichen
Vielfalt und nicht des Einerleis.
Hier die interkontinentale (physikalische) Struktur der Hauptverbindungen des Internets:

Gilles Deluze, Felix Guttari : "Rhizom"
...Fassen wir die wichtigsten Merkmale eines Rhizoms
zusammen: im Unterschied zu den Baumen und ihren
Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt
mit einem anderen; jede seiner Linien verweist nicht
zwangslaeufig auf gleichartige Linien, sondern bringt
sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar
nicht signifikante Zustande (etats de non-signes). Das
Rhizom laesst sich weder auf das Eine noch auf das Viele
zurueckfuehren. Es ist nicht das Eine, das zwei wird,
auch nicht das Eine, das direkt drei, vier, fuenf etc.
wird. Es ist weder das Viele, das vom Einen abgeleitet
wird, noch jenes Viele, zu dem das Eine hinzugefuegt
wird (n+l). Es besteht nicht aus Einheiten, sondern
aus Dimensionen. Ohne Subjekt und Objekt bildet es lineare
Vielheiten mit n Dimensionen, die auf einem Konsistenzplan
ausgebreitet
werden koennen, und von denen
das Eine immer abgezogen wird. Eine Vielheit variiert
ihre Dimensionen nicht ,ohne sich selbst zu andern
und zu verwandeln. Eine Struktur ist durch ein
Ensemble von Punkten und Positionen definiert, durch
binaere Relationen zwischen diesen Punkten und biunivoke
Relationen zwischen diesen Positionen; das Rhizom
dagegen besteht nur aus Linien: den Dimensionen der
Segmentierungs- und Schichtungslinien, aber auch der
Maximaldimension der Flucht- und Deterritorialisierungslinie,
auf der die Vielheit abfahrt und sich verwandelt.
Man darf solche Linien und Spuren nicht mit den
Abstammungslinien des Baumtyps verwechseln, die
nur Verbindungen zwischen Punkten und Positionen angeben.
Im Gegensatz zum Baum ist das Rhizom nicht Gegenstand
der Reproduktion: weder einer aeusseren Reproduktion
als Bildbaum, noch einer inneren Reproduktion
als Baumstruktur. Das Rhizom ist eine Anti-Genealogie.
Das Rhizom geht durch Wandlung, Ausdehnung,Eroberung,
Fang und Stich vor. Im Gegensatz zu Graphik, Zeichnung und Photo,
zu den Kopien bezieht sich das Rhizom mit seinen Fluchtlinien
auf eine Karte mit vielen Ein- und Ausgaengen;
man muss sie produzieren und konstruieren, immer aber auch demontieren,
anschliessen, umkehren und veraendern koennen. Man muss die Kopien auf Karten
zurueckuebertragen und nicht umgekehrt. In zentrierten (oder auch
polyzentrische) Systemen ohne General, organisierdes Gedaechtnis und
Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation der Zustaende
definiert.
Im Rhizom geht es um ein Verhaeltnis zur Sexualitaet, aber auch zu Tier und
Pflanze, zu natuersichen und kuenstlichen Gegenstaenden, das sich voellig vom
Baumveraeltnis unterscheidet: um "Werden" aller Art...
Ein alltäglicher Vorgang wird Kunst (soziale Plastik):
Der Eintritt in die letzte Beuys Ausstellung eines Wiesbadener Galleristen
kostete 5 Mark oder alternativ das Schälen einer Kartoffel.
Beuys sah in der geschälten Kartoffel und der sich ringelnden oder
geschnippelten Schale eine soziale Plastik. Die Kartoffeln wurden
dann abends ins Obdachlosenheim gebracht.