Hausgeschichten

Our house is a very very very fine house…
(Crosby Stills Nash & Young)

Hausgeschichten I

„Die Lust zu Leben“  – damit war unser zweiter Filmsommer 1998 überschrieben. Ein großes Banner prangte über acht Wochen an einer verfallen wirkenden Gründerzeitfabrik in Scheibe/Mittelherwigsdorf. Das Banner zeugte von Bewegung und Idee.

Heute ist die Kulturfabrik Meda nicht nur in Mittelherwigsdorf ein bekannter Ort für Soziokultur, Kunst und gemeinschaftliches Leben. Die ehemalige Nudel- und Eierteigwarenfabrik, 1907 gegründet, ist gute 100 Jahre später wieder ein Ort voller Leben, Begegnung und Wirtschaften. Nudeln werden hier heute nur noch gegessen, produziert werden Kultur und Kunst, Begegnung und Gemeinschaft, Inspirationen und neue Ideen wie auch Dienstleistungen, die vom Dolmetschen über die Begleitung bei Dialogprozessen bis zum Projektmanagement reichen. Hier finden Film- und Theaterveranstaltungen, Workshops, Konzerte, Lesungen und Ausstellungen statt. Das alles zusammen macht die Kulturfabrik Meda zu einem Ort des guten Lebens. Wenn wir zurückblicken auf die zwanzig Jahre unseres Projekts, dann stellen wir fest, dass genau darin ein Schlüssel für Kontinuität, Wirkung und Attraktivität unserer „Einrichtung“ liegen: Nicht eine Ideologie, sondern das Gestalten und Entwickeln entlang der alltäglichen Realitäten und der Bedürfnisse nach einem guten Leben im umfassenden Sinne schaffen Nachhaltigkeit, Bindungen und Akzeptanz.

Hausgeschichten II

Was hat es für das imposante Gründerzeitgebäude, welches in der Scheibe, unmittelbar an der Bahnlinie Zittau-Dresden liegt, nicht alles schon für Bezeichnungen gegeben!: Nudelei, Kalenderfabrik Meda, Möbelwerkstätten Bretschneider, Werkstätten für künstlerische Entwürfe und Patronen, Flüchtlingsvilla, Bautischlerei, Kleiderfabrikation Liebscher, Kulturfabrik …

Begonnen hat alles 1907, als der Zittauer Kaufmann Hermann Schnarrenberger im damaligen Ort Scheibe bei Zittau eine Eiernudel- und Makkaronifabrik im für diese Zeiten typischen Gründerzeitstil errichtete. Gegen Ende der 20iger Jahre zieht Hermann Liebscher in die zweite Etage und eröffnet im Saal 3 eine Kleiderfabrikation. 1932 ersteigert Adalbert Gärtner aus Niederoderwitz die Fabrik für 23.100,- Reichsmark. Herr Gärtner betreibt zu dieser Zeit in Niederoderwitz ein Atelier für Moderne Textile Kunst. So liegt es nahe, die großen lichtdurchfluteten Räumen der heutigen Kulturfabrik als Zeichensäle für die Herstellung von Musterzeichnungen für die Oberlausitzer Web- und Textilindustrie zu nutzen. Auf dem Firmenschild steht „Werkstätte für künstlerische Entwürfe und Patronen“.

Nicht nur die Nutzung des Hauses verändert sich, auch die gesellschaftlichen Verhältnisse wandeln sich in schnellem Tempo. Von den Gründerzeiten im Kaiserreich über die Weimarer Republik mit der Weltwirtschaftskrise bis zu den Nationalsozialisten ab 1933. Helene Preißler, geb. Gärtner hat uns erzählt, dass ihr Vater sich am Ende der Nazizeit das Leben nahm. Wir wissen zu wenig, um darüber zu spekulieren, ob ein Grund dafürin seiner Verbundenheit zur NSDAP liegt.
Seit dieser Zeit übernahm Helene Preißler den väterlichen Besitz und hatte erst einmal alle Hände voll zu tun: die Vertriebenen aus dem Sudetenland und den deutschen Ostgebieten brauchten Unterkunft. Bis zu 40 Männer, Frauen und Kinder kamen in der Nachkriegszeit in der „Flüchtlingsvilla“ unter.
Ende der 40iger Jahre endet die Kalenderfabrikation MEDA („Meda“ steht übrigens für „Mechanische Daten“), von der wir vermuten, dass sie in der zweiten Etage untergebracht war.
Es dauert nicht lange, und mit Walter Bretschneider zieht neuer Wind und Unternehmensgeist in die Fabrikhallen an einer der ältesten Bahnlinien Sachsens ein. Aus der anfänglichen Tischlerei entwickelt sich schnell eine für den Export in den „Nichtsozialistischen Wirtschaftsraum“ arbeitende Möbelfabrik. Ein Wohnzimmer Modell 587/5 kostete in den 60iger Jahren 945,- Deutsche Mark. Ein Detail am Rande: Der Garantieschein, den wir gefunden haben, macht deutlich, dass „das Klemmen von Schubkästen meistens nicht auf Herstellungsmängel sondern auf zu hohe Luftfeuchtigkeit in den Wohnungen zurückzuführen sei“. Dafür übernahmen die Möbelwerkstätten also keine Garantie. Für alle anderen Mängel schon.
Zu dieser Zeit beschäftigt das Unternehmen über 50 Mitarbeiter, viele davon aus Mittelherwigsdorf. Aber gehen Planwirtschaft und Unternehmertun zusammen? 1961 wird Walter Bretschneider wegen Verleumdung der Staatsgewalt zu 11 Monaten Gefängnis verurteilt. Trotz großen Engagements für die Dorfgemeinde – z.B. entsteht mit Hilfe Bretschneiders in den sechziger Jahren der Sportplatz an der Mandau – kommt 1972 das endgültige aus: Die Firma wird per Gesetz enteignet, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Fortan gehört die Fabrik am Bahnhof dem ganzen Volk. Als VEB Pianowerkstätten Dreiländereck versucht die planwirtschaftliche Leitung an die erfolgreichen Zeiten anzuknüpfen, in den 80iger Jahren ist man aber nur noch Teilbetreib des VEB K Bau Zittau und fertigt Türen und Fenster.

Der mittlerweile nicht nur äußerlich sichtbar vom Verfall bedrohte Gründerzeitbau wird letztlich durch die Ereignisse von 1989 gerettet: Familie Bretschneider beantragt die Restitution. Thomas Pilz erwirbt das inzwischen unter Denkmalschutz gestellte Haus und das Grundstück und beginnt sogleich mit der Notsicherung und ersten Sanierungsarbeiten. In die Hallen zieht wieder Leben ein: Junge Menschen beziehen die leerstehenden Wohnungen. Helene Preißler, nun hochbetagt, freut sich, noch erleben zu dürfen, dass es mit ihrer „Alte Dame“ (wie eine Mitbewohnerin die Fabrik liebevoll nennt) wieder aufwärts geht.

Die Kulturfabrik Meda ist heute wieder ein markanter Ort architektonischer Schönheit in der Gemeinde Mittelherwigsdorf. Das Haus wurde schrittweise saniert, wobei die originalen Details der Gründerzeit mit Behutsamkeit bewahrt bzw. wiederhergestellt wurden.