Bugonia
USA/COR/IR 25, R: Yorgos Lanthimos, FSK: 16, 119 min
Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr
Michelle Fuller (Emma Stone) steht an der Spitze eines riesigen Biomedizinkonzerns. Als Privatperson wie als Chefin führt sie ein strenges Regiment. Teddy (Jesse Plemons), ein Bienenzüchter und Fan von Verschwörungstheorien, ist überzeugt, dass Michelle in Wahrheit eine außerirdische Bedrohung ist, die die Erde zerstören will. Gemeinsam mit seinem Cousin Don (Aidan Delbis) kidnappt er sie und hält sie in seinem Keller gefangen. Michelle muss nicht nur um ihre Freiheit kämpfen, sondern auch darum, ihre Menschlichkeit zu beweisen – mitten in einer Welt, in der Wahrheit, Glaube und Wahnsinn ineinander übergehen … Eine schwarzhumorige Groteske, die von einer Menschheit erzählt, die sich durch ihre Ignoranz und Neigung zur Gewalt selbst zum Scheitern verurteilt. Remake der südkoreanischen schwarzen Science-Fiction-Komödie „Save The Green Planet!“ aus dem Jahr 2003.
» Eine stachelige, dornige Gewächshausblume! « GUARDIAN
» Das wahnsinnigste, aber auch das witzigste Duell des Kinojahres – und sein bisher menschlichster Film! « SZ
» Es braucht zwei großartig physische Schauspieler wie Emma Stone und Jesse Plemons, um diese innerlich wie äußerlich hochgerüsteten Gegner zu spielen, die einander nicht sehen und sich doch plötzlich anschauen müssen. « DIE ZEIT
Der Film läuft auch am Mi 04.02. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.
Pressestimmen zum Film
BUGONIA (Peter Osteried, Programmkino.de)
Yorgos Lanthimos arbeitet gerne mit den gleichen Schauspielern. Nach drei Spielfilmen und einem Kurzfilm ist Emma Stone erneut die Hauptdarstellerin in einem Lanthimos-Film – zusammen mit ihrem „Kinds of Kindness“-Kollegen Jesse Plemons. Lanthimos hat hier ein Skript umgesetzt, das wiederum auf Basis des südkoreanischen Films „Save the Green Planet“ (2003) entstand, aber sich doch auch deutlich unterscheidet. Herausgekommen ist eine satirische schwarze Komödie, bei der man lange unsicher ist, wem man nun glauben soll.
Teddy (Jesse Plemons) ist überzeugt davon, dass die Andromedaner auf der Erde sind, für das Bienensterben verantwortlich zeichnen und auch sonst alles tun, um der Menschheit das Vorankommen zu erschweren. Zusammen mit seinem Cousin Don entführt er Michelle Fuller (Emma Stone), die CEO einer großen Firma. Er ist sicher: Auch sie ist eine Andromedanerin, aber natürlich möchte die gefangene Frau das nicht eingestehen. Dabei will Teddy doch nichts anderes, als mit dem Herrscher der Andromedaner zu verhandeln: über einen Rückzug der Außerirdischen von der Erde.
Lanthimos hat „Bugonia“ im Format 1,50:1 gedreht. Es unterstreicht die beengende Wirkung der Geschichte, das Gefangensein der Protagonistin, aber auch den Tunnelblick der männlichen Figuren. Schon die ersten Minuten sind merkwürdig. Teddy redet auf seinen nicht gar so cleveren Cousin ein, wie ein Sektenguru, der sein Publikum voll im Griff hat. Das unterstreicht Lanthimos mit Bildern, die fast gegensätzlich dazu sind, insbesondere in einer Montage, in der er die zwei Männer beim Training zeigt, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten, und das mit dem High-Tech-Training der Protagonistin in Kontrast setzt. Es sind zwei Welten, die hier aufeinanderprallen, die der Verlierer und die der Gewinner.
Teddy erscheint uns von Anfang an als ein Verlorener. Als jemand, der bei seinen YouTube-Recherchen eine falsche Abzweigung genommen und sich hoffnungslos verirrt hat. Er ist ein Getriebener seiner eigenen Echokammer, jemand, der absolut und unveränderlich von seiner Wahrheit überzeugt ist. So sehr, dass er sogar eine Frau entführt, um zu beweisen, dass sie nicht ist, wer sie zu sein vorgibt. Jesse Plemons spielt das fahrig, aber nicht unsympathisch. Man merkt ihm an, dass dies ein Mann ist, der seines Schmerzes wegen in seine radikale Weltsicht abgedriftet ist. Teddy ist eine tragische Figur, Don ist es noch mehr, ein Mitläufer, der gar nicht anders kann, als zu tun, was sein Cousin aufträgt.
Emma Stone wiederum spielt die Gefangene perfekt. Michelle geht auf die Wahnvorstellungen ihres Entführers ein, als das nicht fruchtet, versucht sie es auf eine andere Tour. Erst mit Vernunft, dann mit einer Form von Mitleid, aber sie ist in einer hoffnungslosen Situation gefangen. Weil sie ihm nicht geben kann, was Teddy will. Sie kann ihm nach dem Mund reden, er hat dann jedoch Forderungen, die kein normaler Mensch erfüllen könnte.
Das alles lädt das Skript mit jeder Menge grimmigen Humors auf. Der geht auf Kosten Teddys, weil dessen Wahn so elaboriert und detailliert ist, dass es absurd, andererseits hochgradig traurig ist. Zugleich ist das Skript aber clever genug, um zumindest zeitweise das Publikum schwanken zu lassen. Ist Teddy wirklich verrückt oder der einzige Sehende unter Blinden? Es ist das satirische Element des Films, genau damit zu spielen. Denn was wäre denn, wenn Teddy recht hätte? Dann würde das praktisch jede Verschwörungstheorie validieren, von Echsenmenschen auf der Welt bis zur flachen Erde.
Am Ende präsentiert Lanthimos eine Auflösung, die konsequent ist, und das so richtig. „Bugonia“ ist ein intensives, grimmig-humoriges Kammerspiel, das Lanthimos visuell durchaus originell umgesetzt hat, mit einem Finale, das dann aus den beengten Grenzen des Kellers und des Hauses ausbricht, in dem die Frau gefangen gehalten worden ist.
Die Wut im Keller (Anke Leweke, Die Zeit)
Muss man sehen, wie Emma Stone und Jesse Plemons ein gnadenloses Duell ausfechten? Ja, in „Bugonia“ von Yorgos Lanthimos.
Eine Wut geht um. Als umfassendes Lebensgefühl erfasst sie die Leinwand, verschlingt Familien, bringt Provinzstädtchen in Aufruhr, verbirgt sich in vollgerümpelten Kellern. Es ist die Wut von Menschen, die sich übersehen, abgehängt, verraten, verlassen fühlen, und sie bringt großes amerikanisches Kino hervor – explosive Provinzpossen, hintersinnige Grotesken, abgedrehte Science-Fiction-Filme.
In Bugonia von Yorgos Lanthimos, Regisseur der Filme The Favourite und Poor Things, gärt sie im Untergeschoss eines abgelegenen Holzhauses irgendwo in Georgia. Der Hinterwäldler Teddy (Jesse Plemons) hat sich mit seinem Cousin und Gefolgsmann in dem heruntergekommenen Gebäude verbarrikadiert und plant seinen großen Auftritt. Er will die Vernichtung der Erde durch Aliens verhindern. Als deren Abgesandte hat er die prominente Chefin eines Biotech-Konzerns ausgemacht. Er entführt sie, auch weil er ihr Unternehmen für die Umweltschäden und die tödliche Erkrankung seiner Mutter verantwortlich macht. Allerdings ist er da an die Falsche geraten. Oder an genau die Richtige. Denn sie wird von Emma Stone gespielt.
Kleiner Mann, was nun? Das fragt mit diversen Eskalationsstufen auch der Überflieger-Film des Jahres One Battle After Another. Der Regisseur Paul Thomas Anderson überzeichnet einen Colonel (Sean Penn) zur muskelbepackten, sexuell frustrierten Karikatur. Als er von einem rechtsextremen Geheimzirkel angeworben wird, wittert der Militär seine große Chance. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann dem Mann der Kragen seiner chronisch zu eng geknöpften Hemden platzt. Auch Joaquim Phoenix’ eher trotteliger Sheriff will in Eddington von Ari Aster (Kinostart in Deutschland 20. November) hoch hinaus, während der Coronapandemie lässt er sich als Bürgermeister des titelgebenden Provinzstädtchens aufstellen. Doch anstatt die Gräben zwischen den politischen Lagern (Querdenker, Abtreibungsgegner, Waffenfetischisten, Black-Lives-Matter-Demonstranten) zuzuschütten, reißt er sie weiter auf, ein Amoklauf in Zeitlupe beginnt. Nur nebenbei sei erwähnt, dass Emma Stone auch in diesem amerikanischen Delirium mitspielt.
Die drei Protagonisten dieser Filme fühlen sich als Untergrundkämpfer, doch ist ihnen sozusagen der Obergrund abhandengekommen. Wie Maulwürfe wühlen, wüten und kämpfen sie sich durch den eigenen Wahn. Erbarmungslos, bis hin zur physischen Zerstörung, werden sie mitsamt ihren hochtrabenden Plänen auseinandergenommen.
Ausgezehrt von Hass und Frust wirkt der Paketpacker und Bienenzüchter Teddy in Bugonia. Sein beigefarbener Anzug aus besseren Zeiten ist drei Nummern zu groß. Seine Selbstachtung ist in den Keller gezogen. Teddy hat ihn zur Kommandozentrale seiner Verschwörungstheorien umfunktioniert, zum Gefängnis mit Elektroschockgerät. An den Wänden hängen Zeitungsausschnitte, physikalische Berechnungen, Zeichnungen und Nachbauten von Raumschiffen.
„Willkommen im Hauptquartier des menschlichen Widerstandes“ – so begrüßt Teddy die Managerin Michelle Fuller in seinem Haus. Kahl geschoren (die Haare könnten der Kommunikation mit dem Alien-Mutterschiff dienen), eingeschmiert mit einer weißlichen Antihistaminikum-Salbe (schwächt die DNA von Außerirdischen), kommt Fuller nach ihrer Entführung (mit Jennifer-Aniston-Tarnmasken) langsam wieder zu sich. Dieser Keller ist aufgenommen mit einem Fischaugenobjektiv, der 180-Winkel weitet den Raum und verzerrt die Gesichter.
Willkommen in einer weiteren Versuchsanordnung von Yorgos Lanthimos. Es ist auch ein Duell. Sobald Michelle ihre Augen nach der Betäubung auch nur einen Millimeter öffnet, ist sie im Kampfmodus.
Eingeführt wird Emma Stones Figur mit ihrem allmorgendlichen Einzug in die protzig kühle Konzernzentrale. Jeder Schritt ihrer hochhackigen Schuhe hallt nach, jeder Satz ist ein Befehl. Als sie einem TV-Team ein Interview zur praktizierten Diversität in ihrem Unternehmen gibt, überspielt ein professionell einstudiertes Lächeln ihren Widerwillen. Gute Miene zum bösen Spiel macht Michelle auch in Teddys Keller. Sie ist die Kriegerin ihrer Klasse, eine Demagogin der kapitalistischen Eliten, noch in Handschellen kann sie den von der Entführung berauschten Entführer manipulieren und seine Verschwörungstheorie gegen ihn selbst wenden. Je mehr sie einstecken muss, desto stärker scheint sie zu werden.
Einmal zeigt die Kamera Teddy auf seinem Fahrrad, nah und frontal. Wie besessen tritt er in die Pedale, das Gesicht von Anstrengung und Wut entstellt. Er fühlt sich als Verfechter der Gerechtigkeit und ist doch nur Ausführender von Michelles fatalen Anweisungen.
Auch in dieser Groteske von Yorgos Lanthimos liegt eine Zeit- und Gesellschaftsanalyse. Und das Ergebnis ist erwartungsgemäß nicht schön: Die gläserne Fassade der Konzernzentrale ist verspiegelt. Teddy hat die Fenster seines Hauses mit Alufolie beklebt. In das eine Gebäude kann niemand hinein-, aus dem anderen kann niemand hinausblicken. Es braucht zwei großartig physische Schauspieler wie Emma Stone und Jesse Plemons, um diese innerlich wie äußerlich hochgerüsteten Gegner zu spielen, die einander nicht sehen und sich doch plötzlich anschauen müssen.