Kino

Cinematinee: Timm Thaler oder das verkaufte Lachen

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D 16, R: Andreas Dresen, FSK: o.A., (Empf. ab 6) 102 min
Prädikat besonders wertvoll
Mit Arved Friese, Justus von Dohnány, Jule Hermann, Charly Hübner, Axel Prahl, Bjarne Mädel, Milan Peschel, Joachim Król, Heinz-Rudolf Kunze, Harald Schmidt u.v.a.

offen ab 9:30 Uhr mit Croissants, Kakao, Kaffee & Spielecke
Achtung: Aufgrund der Brückenbaustelle eingeschränkte Parkplätze vor dem Haus.

Zum Film:
Timm Thalers (ARVED FRIESE) Lachen kann niemand widerstehen. Es ist so ansteckend und entwaffnend, dass der schwerreiche Baron Lefuet (JUSTUS VON DOHNÁNYI) es unbedingt besitzen will. Und so schlägt Lefuet dem 13-jährigen Waisenjungen einen ungewöhnlichen Handel vor: Wenn Timm ihm sein Lachen verkauft, wird er in Zukunft jede Wette gewinnen. Timm unterschreibt den Vertrag. Dank der neuen Fähigkeit kann der Junge sich nun scheinbar alle Wünsche erfüllen, aber ohne sein Lachen wird er auch immer einsamer und gerät mehr und mehr in die Fänge des teuflischen Barons. Doch Timms Freunde Ida (JULE HERMANN) und Kreschimir (CHARLY HÜBNER) setzen alles daran, damit er sein Lachen zurückerhält. Wird es ihnen gemeinsam mit Timm gelingen, den Baron zu überlisten?

Unterhaltsame und spannende Neuverfilmung des Kinderromans von James Krüss mit großartiger, märchenhafter Ausstattung und einer tollen Besetzung.

Pressestimmen zum Film

„Timm Thaler“-Neuverfilmung
Erinnern Sie sich noch an die ZDF-Serie? Mit der Neuverfilmung „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ gelingt Andreas Dresen einer der schönsten und wichtigsten Kinderfilme der letzten Jahre.

Von Oliver Kaever / DER SPIEGEL (Archiv 2017)

Sie sind Mitte Vierzig, Ihre Eltern besaßen in Ihrer Kindheit einen Fernseher, und Sie durften ihn an Weihnachten 1979 auch einschalten? Natürlich kennen Sie dann „Timm Thaler“, die Geschichte vom Jungen, der sein Lachen verkaufte. Die erste Weihnachtsserie des ZDF, 13 Folgen, 30 Millionen Zuschauer. Ein Straßenfeger, wie man damals sagte.

Da liegt der Verdacht nahe, dass die Produzenten einer Neuverfilmung damit vorrangig Kasse machen wollen. Gibt ja ständig neue Adaptionen klassischer Kinderstoffe. Der Kinofilm „Timm Thaler“ allerdings – der hat mit der Serie nun wirklich so gut wie nichts zu tun. Und mit Abkassieren auch nicht.

Was nicht bedeutet, dass Regisseur Andreas Dresen („Halbe Treppe“) und sein Drehbuchautor Alexander Adolph („Tatort – Im freien Fall“) sich stattdessen eng an die gleichnamige Romanvorlage von James Krüss gehalten hätten. Nein, diese Version ist völlig eigenständig. Und das macht den neuen „Timm Thaler“ zu einem der schönsten und wichtigsten deutschen Kinderfilme seit langer Zeit.

„Unsere Geschichte handelt von Timm Thaler“, intoniert Joachim Króls Erzählerstimme zu Beginn mit seinem warmen Timbre, so dass man sich in diesen Film einwickeln möchte wie in eine warme Decke. Aber so gut der Einstieg in diese Märchenwelt auch funktioniert, er ist gleichzeitig eine Täuschung. Denn Timm Thalers Welt hat sehr viel mit der realen zu tun. Dieser Junge hat verdammt oft mit den Tränen zu kämpfen, schon bevor er sein Lachen verkauft.

Damit lockt ihn der spaßbefreite Baron Lefuet (Justus von Dohnányi) dann auch: „Einer wie du hat doch eh nichts zu lachen“, sagt er und bringt Timm Thaler (Arved Friese) dazu, seine Unterschrift unter den verhängnisvollen Vertrag zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt hat der Zehnjährige schon seine Mutter verloren, sein Vater (Bjarne Mädel) stirbt bei einem Arbeitsunfall – der mittellose Timm kann ihm nicht einmal einen Grabstein kaufen. Jetzt lebt er mit seiner gemeinen Stiefmutter (Steffi Kühnert) und deren selbstsüchtigem Sohn zusammen. Seine einzige Freundin ist Ida (Jule Hermann), die Tochter der Bäckerin. Und ja, den Umständen zum Trotz kann Timm mit seinem Lachen einen Kinosaal voller Leute zum Grölen bringen.

Damit ist Schluss, als Timm den Pakt mit Lefuet schließt. Dafür gewinnt er jetzt jede Wette beim Pferderennen. Er wird reich – aber Spaß am Leben, den hat er nicht mehr. Vor allem, weil er laut Vertrag niemandem sagen darf, warum er nicht mehr lacht. Mit Ida streitet er sich, seine Stiefmutter zeigt erst recht ihre Gier – und schließlich landet Timm als Liftboy im Grand Hotel der Stadt. Dort findet er immerhin in Barmann Kreschimir (Charly Hübner) einen Freund, der ihm hilft, sich Lefuet zu stellen.

Von Goethes „Faust“ über Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, James Krüss‘ „Timm Thaler“ und den TV-Mehrteiler bis hin zu Dresens Neuverfilmung – der Kern dieser Geschichte ist ein literarischer Mythos, der vor allem die Deutschen seit Jahrhunderten beschäftigt. Die eigentliche Großtat Dresens und Adolphs ist es, ihr ihre Zeitlosigkeit wiederzugeben. Die ZDF-Serie wirkt heute deshalb so überholt, weil sie Krüss‘ Geschichte in das Hamburg der späten Siebzigerjahre verlegte und sich mit ausgedehnten Skateboard-Szenen und futuristischen Gadgets dem Zeitgeist anbiederte.

Wenn der damalige Lefuet mit seinem technischen Brimborium wie ein sinistrer James Bond daherkam, ist der Baron nun viel näher an Fritz Langs „Dr. Mabuse“. Bei Dresen spielt die Geschichte wieder wie bei Krüss in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Oder eher in einer märchenhaften Parallelwelt, in der alles ein wenig off ist. So wie die mit schreiend violettem Plüsch bezogenen Möbel im Grand Hotel.

Die wichtigste Neuerung ist aber ein Verzicht: Timm und Lefuet gehen nicht auf eine abenteuerliche Reise um die Welt, die Handlung bleibt in der nicht näher bezeichneten Stadt – eine Konzentration auf das Wesentliche, die die Geschichte stärkt und ihren sozialkritischen Kern betont. Denn im Grunde ist Andreas Dresen mit seinem „Timm Thaler“ eine Unterwanderung gelungen: eine Kritik der Verhältnisse im Kostüm eines mitreißenden, spannenden, witzigen und kommerziellen Kinderfilms.

Dazu muss Dresen die Geschichte nicht verbiegen, die Gesellschaftskritik ist der Kern von Krüss‘ Vorlage. Dass auch der Regisseur, der von furchtlosen Dramen im hyperrealistischen Stil („Halt auf freier Strecke“), bildgewaltigen Psychothrillern („Willenbrock“), Wohlfühlfilmen mit Haltung („Sommer vorm Balkon“) bis zu Dokus („Herr Wichmann aus der dritten Reihe“) schon so gut wie alles ausprobierte, sich selbst nicht verbogen hat, macht den besonderen Charme seines „Timm Thaler“ aus: Dem glamourösen Cinemascope-Look zum Trotz drehte er nicht im Studio, sondern an Originalschauplätzen und arbeitete ausgiebig mit seinen Schauspielern. Wochenlange Proben und Vorbereitungen gehören bei ihm dazu, und so macht vor allem die Spiellust und Präzision des Ensembles diese Story so eindringlich.

Regelmäßige Dresen-Darsteller wie Axel Prahl, Andreas Schmidt, Nadja Uhl und Steffi Kühnert sorgen dafür, dass die Figuren zu jeder Zeit praller sind als die Spezialeffekte. Arved Friese spielt Tommy Ohrner locker an die Wand, und Justus von Dohnányi gelingt das Kunststück, sogar den großen Bösewicht-Darsteller Horst Frank vergessen zu lassen.

Dessen Lefuet, da muss man nur den Namen rückwärts lesen, ist natürlich der Teufel persönlich. „Unsere Renner sind Religionskriege und Katastrophen“, erklärt er Timm Thaler einmal fröhlich. So viel Märchen leistet sich Dresen dann doch: Dass die Übel der Welt vom sprichwörtlichen Luzifer gemacht sind und nicht von den Menschen selbst. Wenigstens diese bittere Wahrheit erspart er seinen jungen Zuschauern.