Kino / Nachlese

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

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D 25, R: Wolfgang Becker, FSK: 6, 113 min

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

DER HELD VOM BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE erzählt die Geschichte vom kurz vor der Pleite stehenden Berliner Videothekenbesitzer Micha Hartung (Charly Hübner), der ungewollt zum gesamtdeutschen Helden wird: Als ihn zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ein Journalist zum Drahtzieher der größten Massenflucht der DDR stilisiert, steht sein Leben plötzlich Kopf. Als Hochstapler wider Willen verstrickt sich Micha in einem Gestrüpp aus Halbwahrheiten und handfesten Lügen.

Und als das fragile Kartenhaus der Geschichte um ihn herum einzustürzen droht und sein Leben so richtig im Chaos versinkt, trifft er Paula (Christiane Paul). Dass eine erfolgreiche, kluge und witzige Frau wie sie sich für einen Mann wie ihn interessieren könnte, hätte Micha nicht für möglich gehalten. Doch die sich anbahnende Liebesgeschichte wird von der Lüge überschattet.

„Geschichte ist die Lüge, auf die sich alle geeinigt haben.“

Eine herzenswarme Komödie über Geschichte als Mythos, die Tücken deutscher Erinnerungskultur und das Leben als Spiel des Erinnerns, Vergessens und Erfindens. Ein vergnügliches Lehrstück über die Hierarchie der Geschichtsschreibung und ein Film über die Kraft des Geschichtenerzählens. basiert auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Maxim Leo.

Der Film läuft auch am Mi 21.01. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.

Pressestimmen zum Film

„Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ gleicht einem Abschiedsgeschenk an den Regisseur: Die Buchverfilmung ist der letzte Film von Wolfgang Becker, eine gut gelaunte Komödie, wie man sie selten zu sehen bekommt.

Von Martin Schwickert (Augsburger Allgemeine)

Am Ende war es ein rostiger Bolzen, der brach und dafür sorgte, dass die Weiche sich verstellte. Aber es war nicht irgendeine, sondern eben jene Weiche, die am Bahnhof Friedrichstraße das Ostberliner mit dem Westberliner S-Bahn-Netz verband. So fahren am 23. Juni 1984 mit der S-Bahn 127 Menschen aus dem Osten in den Westen der geteilten Stadt. Maxim Leo hat den fiktiven Vorfall zum Ausgangspunkt für seinen Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ genommen, der nun von Wolfgang Becker verfilmt wurde. Es ist die letzte Regiearbeit Beckers, der Ende letzten Jahres kurz nach Schluss der Dreharbeiten gestorben ist. Man kann sich keinen besseren Regisseur für diesen Stoff vorstellen. Schließlich hat Becker mit „Goodbye Lenin“ (2003) deutsch-deutsche Filmgeschichte geschrieben.

Im Zentrum der Handlung steht Micha Hartung (Charly Hübner), der 2019 eine der letzten Videotheken am Prenzlauer Berg betreibt, als der Journalist Alexander Landmann (Leon Ullrich) vor seinen Tresen tritt. Dieser hat in alten Stasi-Akten gewühlt und herausgefunden, dass Hartung als stellvertretender Stellwerksmeister jene legendäre Massenflucht vor 35 Jahren geplant und durchgeführt haben soll. Micha will davon nichts wissen und verkauft dem Pressevertreter erst einmal eine überteuerte Premium-Mitgliedschaft. Für die gute Story legt Landmann ein paar Hunderter drauf, schon erzählt der Informant ihm, was er hören will.

„Der Held vom Bahnhof Friedrichsstraße“ ist eine gut gelaunte Komödie
Der Fall der Berliner Mauer jährt sich gerade zum 30. Mal, und der Chefredakteur des „Fakt“-Magazins (Arnd Klawitter) sieht im Helden des Bahnhofs Friedrichstraße eine heiße Titelstory. Über Nacht wird Micha zum Medienstar, auch wenn Landmanns journalistische Prosa, die den selbstlosen Einsatz des Freiheitskämpfers gegen das diktatorische SED-Regime feiert, nur wenig mit der Realität zu tun hat. Hartung wehrt sich anfangs gegen die verzerrte Darstellung, aber als er in einer Talkshow an der Seite von Kati Witt (Katarina Witt) auftritt, gehen mit ihm alle Pferde durch. Zur Fluchthelfer-Geschichte erfindet er eine Liebesschmonzette um eine Tänzerin, der er den Weg in den Westen ebnen wollte. Wenig später wird er vom Bundespräsidenten (Bernhard Schütz) zum Essen nach Bellevue eingeladen, der ihn als Redner vor dem Bundestag zum 30. Jahrestag des Mauerfalls gewinnen will.

Natürlich wächst die Angelegenheit dem Videotheksbesitzer schnell über den Kopf. Aber dann steht auch noch Paula (Christiane Paul) vor seiner Ladentür, die damals in jenem Zug nach Westberlin saß und nun die schicksalhafte Verbindung zu ihm weiter ausbauen will. Derweil kommt der Bürgerrechtler Harald Wischnewsky (Thorsten Merten), der eigentlich die Rede vor dem Bundestag halten sollte, den wenig heldenhaften Hintergründen der legendären Massenflucht auf die Spur.

Der Film lebt vom klug ausbalancierten Drehbuch
Mit „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ist Wolfgang Becker eine ungeheuer gut gelaunte, locker gestrickte Komödie gelungen, wie man sie im deutschen Kino nur selten zu sehen bekommt. „Geschichte ist die Lüge, auf die sich alle geeinigt haben“ – um diese Behauptung rankt sich die turbulente Handlung um den vermeintlichen Helden, der durch die Mediendynamik zum Hochstapler wird, womit die Tücken der Nachwende-Geschichtsschreibung verdeutlicht werden.

Dabei hält Becker den politischen Diskurs im leicht verdaulichen, augenzwinkernden Unterhaltungsmodus. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ lebt neben seinem klug ausbalanciertem Drehbuch und jeder Menge Detailhumor von der Spielfreude des gesamten Ensembles. Man spürt, dass alle Beteiligten in diesem letzten Film des Regisseurs, der während des Drehs schwer vom Krebs gezeichnet war, ihr Bestes geben wollten. Das gilt in besonderem Maße für Charly Hübner, der dem bescheidenen Ossi im Höhenflug eine charmante Unbeholfenheit verleiht, wenn er so wunderbar krummbeinig die Treppen zur Villa Bellevue hoch stakst.

Vor allem in den glänzend gespielten Nebenrollen spiegelt sich der Familienfest-Charakter wider, der diesen Film wie ein warmer Sommerwind durchweht. Thorsten Merten als verbitterter Bürgerrechtler mit Dissidentenbart hat einen grandiosen Auftritt als Zeitzeuge vor einer Schulklasse. In der Rolle des ehemaligen Stasi-Offiziers empfängt Peter Kurth seine Gäste in Badehose und mit unnachahmlicher Selbstgefälligkeit. Leslie Malton bündelt in der Rolle der Denkmalbeauftragten die geballte Arroganz der alten Bundesländer in wenigen Filmminuten und Daniel Brühl hat als narzisstischer Serienschauspieler Spaß an der Karikatur der eigenen Zunft. Ein schöneres Abschiedsgeschenk als diesen Film hätte das Ensemble dem Regisseur Wolfgang Becker und dem Kinopublikum nicht machen können.


Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Von Walter Gasperi (www.film-netz.com)

„Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker erzählt in seinem letzten Spielfilm leichthändig von einem vermeintlichen Helden der ehemaligen DDR, von Wahrheit und Lüge, falschen Geschichtsbildern und Erinnerungskultur – und vom Aufblühen einer Liebe: Eine vor Witz sprühende, wunderbar ironische und von einem herausragenden Ensemble getragene, schwungvolle Komödie.

Wolfgang Becker verfilmte Maxim Leos 2022 erschienenen Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ im Bewusstsein, unheilbar an Krebs erkrankt zu sein. Dennoch gibt es nichts Schweres in diesem Film, sondern er ist durchzogen von wunderbarer Leichtigkeit. Bald nach Abschluss der Dreharbeiten starb Becker im Dezember 2024 im Alter von 70 Jahren. Nur den ersten Rohschnitt konnte er noch begutachten, fertiggestellt wurde die Komödie schließlich vom Regisseur Achim von Borries, der angesichts der Krankheit von Becker schon früh in das Projekt einbezogen worden war.

Nur sechs Filme drehte Becker in seiner fast 40-jährigen Karriere. Schon sein Abschlussfilm an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin „Schmetterlinge“ (1988) gewann in Locarno den Goldenen Leoparden, zu seinem größten Erfolg entwickelte sich aber „Good Bye, Lenin“ (2003).

Wie in dieser Komödie, in der ein Sohn auch nach dem Fall der Berliner Mauer für seine schwerkranke Mutter die Illusion des Fortbestehens der DDR aufrecht erhält, erzählt Becker auch in seinem letzten Film einerseits eine deutsch-deutsche Geschichte und andererseits von einer Täuschung.

Einen liebevoll-ironischen Ton schlägt „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ schon mit dem Einstieg an, in dem mittels einer Modelleisenbahn von der größten Massenflucht aus der DDR im Jahr 1984 erzählt wird: Durch eine falsch gestellte Weiche an dem an der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin gelegenen Bahnhof Friedrichstraße fuhr damals eine S-Bahn mit 127 DDR-Bürgern vom Osten Berlins in den Westen.

Fiktiv ist diese Geschichte und bildet auch nur den Ausgangs- und Angelpunkt des 2019 spielenden Films. Anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls will ein Magazin eine große und neue Story zur DDR bringen. Das Studium von Stasi-Akten bringt den Journalisten Alexander Landmann (Leon Ulrich) auf die Spur von Micha Hartung (Charly Hübner), der damals die Weiche falsch gestellt und so die Flucht organisiert haben soll.

Landmann macht Hartung, der nun die Videothek „The Last Tycoon“ im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg führt und vor der Pleite steht, ausfindig. Zeigt der ziemlich verwahrloste Videothekar zunächst wenig Interesse, seine Geschichte zu erzählen, da es keine geplante Aktion gab, sondern die Umleitung des Zuges mehr aus Zufall und einem Versehen resultierte, ändert er seine Meinung als Landmann ihm Geld anbietet: Er bauscht die Geschichte auf und stilisiert sich zum Regimegegner, der für seine Tat monatelang im Stasi-Gefängnis saß.

Geschockt ist Hartung, als er durch die Reportage, in der Landmann zusätzlich noch Einiges ausgeschmückt hat, zum Helden aufsteigt. Dennoch spielt dieser Loser, den der Chefredakteur des Magazins sogar einen ostdeutschen Oskar Schindler sieht, weiterhin mit, als er in eine Talk-Show eingeladen wird, den Bundespräsidenten (Bernhard Schütz) im Schloss Bellevue besuchen und schließlich sogar im Bundestag die Gedenkrede zum 30. Jahrestag des Mauerfalls halten soll.

Zum Ruhm kommt auch die Liebe, als er die mit Beziehungsproblemen kämpfende Staatsanwältin Paula (Christiane Paul) kennenlernt. Sie glaubt, dass Hartung ihr Leben entscheidend beeinflusst hat, da sie 1984 als Kind mit ihrer Mutter im Zug saß, der den Weg in den Westen nahm.

Nur ein Bruchteil der liebevoll gezeichneten Figuren und Szenen, die Becker auffährt ist das aber, denn bald mischen auch noch ein ehemaliger DDR-Bürgerrechtskämpfer mit „Rasputin Bart“ (Thorsten Merten) und ein Ex-Stasi-Oberst (Peter Kurth) mit und auch ein Schauspieler (Daniel Brühl) tritt auf, der Hartung studieren soll, um ihn in einer TV-Serie zu spielen.

Es ist nicht nur ein erlesener Cast, den Becker hier versammelt hat, sondern auch ein bewegendes Zusammentreffen der Schauspieler:innen seiner früheren Filme. So spielten Christiane Paul und Jürgen Vogel schon in Beckers zweitem Spielfilm „Das Leben ist eine Baustelle“ (1997) die Hauptrollen und mit Daniel Brühl und Peter Kurth arbeitete er nicht nur bei „Good Bye, Lenin“, sondern auch bei der Daniel Kehlmann-Verfilmung „Ich und Kaminski“ (2007).

Großes Vergnügen bereitet es diesem lustvoll aufspielenden Ensemble zuzusehen, das den Figuren Ecken und Kanten verleiht. Diese werden aber von Becker immer so versöhnlich und warmherzig gezeichnet, dass man selbst für den Stasi-Oberst Sympathien entwickeln kann.

Von wunderbar augenzwinkernder Ironie ist diese Komödie durchzogen, wenn mit Sternschnuppen oder einem Feuerwerk mit Kitsch gespielt wird, aber auch vor klamaukigen Szenen schreckt Becker nicht zurück. Wie er dabei auch Heldenaufbau, falsche Geschichtsbilder, mediale Vermarktung und Erinnerungskultur hinterfragt, wirkt wie eine Aktualisierung des Satzes „When the legend becomes fact, print the legend“ in John Fords Western „The Man Who Shot Liberty Valance“.

Gleichzeitig kommt mit der Beziehung zwischen Hartung und der Staatsanwältin auch eine Liebesgeschichte nicht zu kurz, in der zwei verlorene und einsame Menschen, die von Charly Hübner und Christiane Paul mit viel Gefühl gespielt werden, Halt und Glück finden, auch wenn darüber immer das Damoklesschwert von Hartungs Täuschung droht.

Wie leichthändig Becker diese Fülle, zu der auch noch ein Running Gag mit einer Spinne und über Hartungs Job als Videothekar zahlreiche Filmverweise von Sophie Marceau über Louis de Funès bis zu Robert De Niro und auf Klassiker der Filmgeschichte kommen, unter einen Hut bringt, macht seinen letzten Film zu einem großen und herzerwärmenden Vergnügen.