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Dokfilm & Gespräch: Das Kombinat

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D 23, R: Moritz Springer, FSK: o.A., 90 min
Eine Kooperation mit dem Landschaftspflegeverband Zittauer Gebirge & Vorland e.V.

Regisseur Moritz Springer hat die Münchner Genossenschaft für „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi), das Kartoffelkombinat, über einen Zeitraum von neun Jahren begleitet und so die bewegende Entwicklung von der idealistischen Idee zur größten Solawi in Deutschland filmisch festgehalten. Herausfordernde Situationen, gärtnerische sowie persönliche Probleme der Protagonisten, das Ringen um die richtige (Genossenschafts-)Größe, verträgliches Wachstum der Strukturen, faire Arbeitsbedingungen, Mitwirkungsmöglichkeiten – die Komplexität des Konzeptes Solidarische Landwirtschaft wird dadurch erkennbar.

Den beiden Gründer Daniel Überall und Simon Scholl dient dabei der Anbau von Gemüse als trojanisches Pferd, um eine viel größere Idee voranzutreiben. Die beiden wollen ein ganz anderes Wirtschaftssystem, eine Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise. Sie fragen sich: wie produzieren wir Dinge, wer besitzt die Produktionsmittel und wer soll am Ende von dieser Produktion profitieren?

Kritik zum Film: Das Kombinat

Von Michael Meyns, Programmkino.de

Solidarische Landwirtschaft. Das hört sich doch gut an, aber was ist das eigentlich genau? Und vor allem: Ist das wirtschaftlich umsetzbar, nicht nur von einer kleinen, sondern von einer wachsenden Gruppe engagierter Menschen? Moritz Springers Langzeitdokumentation „Das Kombinat“ wirft vielschichtige Fragen auf, die von Möglichkeiten und Grenzen alternativer Formen der Landwirtschaft erzählen.

Schon in seinem 2016 im Kino gelaufenen Dokumentarfilm „Projekt A“, in dem anarchistische Modelle porträtiert wurden, kam das am Rande Münchens beheimatete Kartoffelkombinat vor. Damals war es noch deutlich kleiner, jedes Mitglied der landwirtschaftlichen Genossenschaft kannte sich, die beiden Gründer Daniel Überall und Simon Scholl standen noch am Anfang einer Idee, die ihnen einige Jahre zuvor gekommen war.

Nicht aus Gewächshäusern in Spanien oder Italien, wo meist migrantische, oft illegale Arbeiter unter Bedingungen arbeiten, die oft nur als der Sklaverei ähnlich bezeichnet werden können, sondern aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Wohnortes sollten Obst und Gemüse kommen. Einmal pro Woche bekommen die Mitglieder der Genossenschaft eine Kiste mit Gemüse, nicht perfekt geformt, mal mit Makeln, aber frisch, lokal und natürlich bio.

Seit Beginn des Projektes im Jahre 2012 war der Dokumentarfilmregisseur Moritz Springer immer wieder mit seiner Kamera zu Gast, hat Diskussionen der Genossenschaft verfolgt, das Wachstum, aber auch den wachsenden Zweifel an den angewandten Methoden.

Als sich nach einigen Jahren der bisherige Landvermieter zurückzieht, steht das Kartoffelkombinat vor einer Entscheidung: Aufhören oder Expandieren. Mit erheblichen finanziellen Mitteln wird schließlich ein Acker gekauft, Gewächshäuser, in denen jahrelang Bäume statt Gemüse wuchsen, renoviert – aber auch das Kombinat erweitert. Schon vorher war das Kartoffelombinat deutlich größer als andere in Deutschland, die meist nur um die 150 Mitglieder haben. Doch mit der Expansion, mit den erheblichen Investitionen, kam die Notwendigkeit, auch die Mitgliederzahl zu erhöhen. Was nicht einfach nur bedeutet, dass sich nicht mehr alle Mitglieder persönlich kennen, sondern auch, dass die Professionalisierung zunimmt, dass das einstmals alternative landwirtschaftliche Modell, sich den Strukturen der konventionellen Landwirtschaft annähert, aber dennoch seine Ideale bewahren will.

Ob und wie dieser Spagat funktionieren kann beschreibt Moritz Springer in seinem erfreulich ungeschönten Film. So schön Vorstellungen von Solidarität, Mitmachen, Bio und anderen Schlagworten sind, so schwierig ist es, diese in größerer Gruppe aufrechtzuerhalten. Hier stößt ein ambitioniertes Projekt wie das Kartoffelkombinat schnell an seine Grenzen und Möglichkeiten. Mit ein paar Dutzend Menschen solidarische Landwirtschaft zu betreiben ist am Ende doch etwas anderes, als einen zunehmend professionellen Betrieb zu leiten, der dennoch dezidiert nicht nach kapitalistischen Mustern funktionieren soll.

Ein wenig ernüchternd mag es sein, zu sehen, wie die Ideale der Kombinats-Gründer an ihre Grenzen stoßen, wie sie erkennen, das die hehren Ambitionen, eine andere Form der kapitalistischen Produktionsprozesse zu etablieren, kaum umzusetzen sind. Ob am Ende ein idealistisches Projekt wie das Kartoffelkombinat mehr ist als ein Weg für engagierte Menschen, sich gut zu fühlen, oder vielleicht ein Ansatz, die großen Probleme der Menschen anzugehen, bleibt am Ende Ansichtssache.