Kino / Nachlese

Dokfilm & Talk: Girls & Gods

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A/CH 25, R: Arash T. Riahi, FSK: 12, 108 min
Nach dem Film besteht die Möglichkeit zum Sofagespräch.

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

Können Feminismus und Religion koexistieren? Girls & Gods ist eine furchtlose Reise, angeführt von Inna Shevchenko, der Autorin und Initiatorin des Projekts, um genau diese Frage zu beantworten. Shevchenko, die einst als Anführerin der Oben-ohne-Proteste von FEMEN gegen patriarchale Machtstrukturen bekannt wurde, tauscht nun Protest gegen Dialog, indem sie Priesterinnen, Imaminnen, Rabbinerinnen, Theologinnen und andere Aktivistinnen zu offenen Gesprächen einlädt. Gemeinsam setzen sie sich mit der Kluft zwischen Frauenrechten und religiösen Traditionen auseinander und fragen, ob uralte Religionen die Gleichberechtigung der Geschlechter akzeptieren können und ob der Feminismus in den heiligen Hallen einen Platz finden kann.

Unter Regie von Arash T. Riahi und Verena Soltiz ist Girls & Gods mehr als ein visuell beeindruckender Film – es ist eine kunstvolle Erzählung, die langjährige Traditionen und Hierarchien in Frage stellt. Die Regisseur:innen weben eine fesselnde und provokative Reise, die das Publikum dazu einlädt, heilige Ikonographie durch eine feministische Linse neu zu betrachten und Symbole des Glaubens in kraftvolle Visionen weiblicher Emanzipation zu verwandeln. Das Ergebnis ist ein zugänglicher und zugleich provokativer Dokumentarfilm, der die Zusehenden einlädt, Zeuge eines Wandels zu werden – eines Wandels, der die Beziehung zwischen Glauben und Feminismus neu gestalten könnte.

„Wer glaubt, alles über das Verhältnis von Religion und Feminismus zu wissen, befindet sich auf dem Holzweg. Lediglich autoritäre Herrscher in Ost und West begnügen sich mit eindimensionalen Sichtweisen. Zu schade, dass ihnen viele Kirchenmenschen dafür immer noch die Füße küssen.“ (kino-zeit.de)

Pressestimmen zum Film

Girls & Gods: „We agree to disagree“

Kritik von Maxi Braun / epd-film.de

Der aktivistische, vielstimmige ­Dokumentarfilm von Arash T. Riahi und Verena Soltiz setzt sich mit Gläubigen, Religionskritikerinnen und theolo­gischen Reformerinnen der drei monotheistischen Weltreligionen auseinander.

Religionen, besonders in ihrer orthodoxen Auslegung, meinen es selten gut mit Frauen und ihren Rechten. Wenn Feminist*innen gegen patriarchale Strukturen kämpfen, sind religiöse Institutionen meist mitgemeint. Nicht alle feministischen Aktivist*innen schreiben sich Religionskritik so plakativ auf die Fahne – oder die blanken Brüste – wie die ukrainische FEMEN, deren internationaler Zweig seit 2013 von Inna Shevchenko von Frankreich aus geleitet wird. Zu Beginn ist Shevchenko zu sehen, wie sie 2012 ein großes Holzkreuz in Kiew medienwirksam mit einer Motorsäge fällte. Ihr Standpunkt bezüglich Religionen wird damit eindeutig vermittelt.

Shevchenko lieferte Idee und Drehbuch für »Girls & Gods« und fungiert als eine Art Erzählerin und Guide auf den verschiedenen Stationen. Sie reist nach Deutschland, Österreich oder in die USA, um Religionskritikerinnen, aber auch Reformerinnen und gläubige Feministinnen zu besuchen. Ihr Fokus liegt dabei auf dem katholischen und orthodoxen Christentum, Judentum und Islam.

So, wie es den einen Feminismus nicht gibt, ist auch der Film darum bemüht, die Bandbreite religiöser Praxen möglichst vielfältig darzustellen: Von der exkommunizierten Priesterin Shanon Sterringer über sich selbst als feministisch verstehende Abtreibungsgegnerinnen bis zur Imamin versucht der Film ein breites Spektrum abzubilden. Einerseits ist das die große Stärke von »Girls & Gods«, der in Offenheit und Neugier an Larry Charles’ Religulous erinnert. Der aktivistische Impetus und die von Shevchenko vertretene klare Haltung vermitteln eine engagierte und aufrüttelnde Energie. Andererseits wären es einige Begegnungen wert gewesen, sich mehr Zeit zur Vertiefung zu nehmen. Auch die Tatsache, dass die Mechanismen der drei Religionen, Frauen über ihre Körper und ihre Reproduktionsfähigkeit zu kontrollieren, nicht unähnlich sind, vermittelt »Girls & Gods« anschaulich. Die Intermezzi in Form von Performances und befremdlich ehrfürchtig gefilmten Sakralräumen wirken dagegen wie plakatives Füllmaterial. Die kurzen Szenen, die die Karikaturistin Coco, die 2015 die Anschläge auf Charlie Hebdo überlebte, beim Zeichnen ihrer intelligenten, provokanten Karikaturen zeigen, heben sich davon angenehm ab.

Manche Begegnungen offenbaren dabei eine Art Seelenverwandtschaft zwischen Shevchenko und ihren Gesprächs­partner*innen. Wenn sie mit Abby Stein, der ersten Trans-Rabbinerin New Yorks, Arm in Arm durch die Stadt spaziert, ist das ein starkes, solidarisches Bild. In der Diskussion mit der deutschen Journalistin Khola Maryam Hübsch spürt man dagegen eine tiefe Kluft, und wir können dabei zusehen, wie Shevchenko fast die Fassung verliert. Bemerkenswert ist aber der Verlauf, den all diese Diskussionen nehmen. Egal wie erbittert und unversöhnlich die Streitenden in ihren Positionen bleiben, am Ende steht eine respekt- und sogar liebevolle Verabschiedung. We agree to disagree – eine Art der Kommunikation und Konfliktlösung, die der Welt und uns als Gesellschaft auch in vielen anderen Bereichen guttun würde.


Girls & Gods: Neugierig auf Andersdenkende

Eine Filmkritik von Peter Gutting / kino-zeit.de

Totalitäre Herrscher suchen die Rückendeckung der Religion – das weiß Inna Shevchenko, Mitgründerin der „Femen“-Bewegung, seit langem. Nicht erst, als sie 2012 mitten in Kiew ein riesiges Holzkreuz ummähte, aus Solidarität mit der russischen Punkrock-Gruppe „Pussy Riot“, die früh gegen Putins frauenfeindlichen Pakt mit der Orthodoxen russischen Kirche protestierte. Kein Wunder also, dass Inna Shevchenko sowohl das Christen- wie das Judentum und auch den Islam wegen ihrer männlich geprägten Doktrinen auf dem Kieker hat. Aber gibt es nicht auch Frauen, die ihre Glaubensgemeinschaften von innen heraus reformieren wollen? Und lohnt es sich nicht, mit denen ins Gespräch zu kommen – trotz grundverschiedener Auffassungen in manchen Fragen, wie etwa Abtreibung, Kopftuch oder körperliche Freizügigkeit? Das erkundet die „Femen“-Aktivistin, die das Drehbuch geschrieben hat und als Hauptprotagonistin durch den Dokumentarfilm führt, gemeinsam mit den Regisseur*innen Arash T. Riahi und Verena Soltiz, auf neugierige, tiefschürfende, aber auch humorvolle Weise. „Girls & Gods“ ist nach dem Biopic „Oxana — Mein Leben für Freiheit“ der zweite Film in wenigen Monaten, der sich mit der ein wenig in Vergessenheit geratenen „Femen“-Bewegung beschäftigt. In den 2010er-Jahren machten die Feministinnen mit spektakulären, barbusigen Aktionen auf die Unterdrückung von Frauen aufmerksam.

Paris, auf einer Parkbank: Karikaturistin „Coco“ zeichnet eine Heiligen-Figur mit aufgerissenen Augen, aus deren Kopf Penisse wie Haare herauswachsen. „Es lebe die Blasphemie“, ruft sie, als das Werk fertig ist – und lacht. Die Frau, die den Terror-Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ nur knapp überlebte, hat weder ihren Humor noch ihre Angriffslust verloren. Das gilt für viele der Frauen, die Inna Shevchenko auf ihrer Recherchereise durch Europa und die USA besucht. Sie haben Verfolgung, Haft und Misshandlungen erduldet. Aber sie machen fröhlich weiter in ihrem Kampf gegen religiös motivierten Frauenhass und Unterdrückung. Und leben damit eine Haltung vor, die der Film nicht nur aufgreift, sondern zelebriert und weiterführt, indem er sie mit Installationen, Live-Musik und anderen Kunstwerken kreativ fortspinnt. Und das bei Themen, die sonst erbitterte Kulturkämpfe und steinharte Grabenkriege auslösen. Das Trio aus den beiden Regisseur*innen und Inna Shevchenko, das den Film gemeinsam konzipiert und umgesetzt hat, führt damit eine Debattenkultur vor Augen, wie sie die Welt gerade dringend nötig hat. Schönstes Beispiel: „Lass‘ uns einander umarmen, wenn wir schon keinen Konsens finden“, sagt die iranische Bürgerrechtlerin Maryam Namazie zu ihrer Kontrahentin nach einer Debatte zum Thema, ob sich der Islam mit den Menschenrechten vereinbaren lasse. Das tun die beiden Frauen dann auch.

Inna Shevchenko, die seit 2012 in Frankreich lebt, geht also auf Reisen. Sie trifft weibliche Anhänger der drei monotheistischen Weltreligionen, etwa katholische Frauenpriesterinnen (die natürlich exkommuniziert wurden) oder Verfasserinnen einer Frauenbibel, aber auch die Gemeinschaft von Ex-Muslimas sowie die iranisch-amerikanische Feministin Masih Alinejad, die aus der Ferne den Kampf gegen das Kopftuch unterstützt. Oder auch feministische Kopftuchbefürworterinnen oder eine Rabbinerin, die sich als Trans-Frau geoutet hat. Nie macht die „Femen“-Aktivistin einen Hehl aus ihrer eigenen Überzeugung. Aber sie ist gekommen, um zuzuhören und zu verstehen, nicht um Dogmen durchzuboxen oder Andersdenke niederzumachen. Zu den schönsten Momenten des Films zählen daher die kleinen Pausen, wenn Inna Shevchenko oder eine ihrer Gesprächspartnerinnen kurz innehalten, weil sie über das Gesagte erstmal nachdenken müssen und nicht sofort ein Gegenargument aus dem Ärmel ziehen. Es gibt eben oft keine einfachen Antworten. Der respektvolle Film lässt deshalb auch offene Widersprüche für sich stehen, ohne sie den Gläubigen oder Nichtgläubigen um die Ohren zu hauen.

Eine Dramaturgie im Sinne einer klaren Entwicklungslinie verfolgen die Regisseur*innen Arash T. Riahi (Ein bisschen bleiben wir noch, 2020) und Verena Soltiz nicht. Allenfalls deuten sie sie mit ihrer oft poetischen Bildsprache zart an. Im Wesentlichen aber setzen sie die Reiseerlebnisse zu einer Collage zusammen, bei der die Zuschauenden mit Recht vor allem denjenigen Teilaspekt in den Fokus nehmen werden, der sie am meisten anspricht. Zu entdecken gibt es derart viel, dass die Montage immer wieder besinnliche Momente einfügen muss, um die Aufmerksamkeit nicht zu überfordern. Nur eine „Botschaft“ zieht sich durch: Wer glaubt, alles über das Verhältnis von Religion und Feminismus zu wissen, befindet sich auf dem Holzweg. Lediglich autoritäre Herrscher in Ost und West begnügen sich mit eindimensionalen Sichtweisen. Zu schade, dass ihnen viele Kirchenmenschen dafür immer noch die Füße küssen.