Ein einfacher Unfall
F/LUX 25, R: Jafar Panahi, FSK: 16, 104 min
Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr
Filmfestspiele von Cannes 2025: Goldene Palme
Vahid, ein aserbaidschanischer Automechaniker, wurde einst vom iranischen Regime inhaftiert und dort immer wieder mit verbundenen Augen verhört und gefoltert. Eines Tages betritt ein Mann namens Eghbal seine Werkstatt. Das Quietschen seiner Beinprothese lässt Vahid glauben, in Eghbal einen seiner früheren Peiniger wiederzuerkennen. Er entführt Eghbal um sich zu rächen, doch schon bald kommen Zweifel auf, ob Eghbal wirklich der ist für den Vahid ihn hält.
»Liebenswert leichtfüßiges Drama über die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele, mit überraschenden Wendungen.« (film-rezensionen.de)
Der iranische Filmemacher Jafar Panahi hat „Ein einfacher Unfall“, wie alle seine Filme im Heimlichen gedreht. Es geht um Gegner des iranischen Regimes, ehemalige Gefängnisinsassen wie Panahi sie selber in Haft kennengelernt hat. Sie treffen auf ihren mutmaßlichen Peiniger und müssen sich mit Fragen von Rache und Gerechtigkeit auseinandersetzen. Der Film ist zugleich eine Komödie, ein Justizthriller und eine politische Anklage – und gewann bei den letzten Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme.
»Eine der unverwechselbarsten und mutigsten Stimmen des Kinos« The Guardian
»Eine Erzählung von enormer politischer Wucht« Die Zeit
Der Film läuft auch am Mi 18.03. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.
Pressestimmen zum Film
Preisgekrönt trotz Verbot: „Ein einfacher Unfall“ zeigt System der Angst
von Anna Wollner, Lars Meyer, MDR
Der iranische Filmregisseur Jafar Panahi wurde durch „Der weiße Ballon“ international bekannt. Seine Parabel „Ein einfacher Unfall“ hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen – ein Film, der nach dem Willen des Regimes nicht hätte entstehen dürfen. Nun ist er für zwei Oscars nominiert.
Er hat die Nominierungen in den Kategorien „Bester internationaler Film“ und „Bestes Original-Drehbuch“ erhalten. Die Oscars werden am 15. März in Los Angeles verliehen.
Darum geht es im Thriller „Ein einfacher Unfall“
Mitten in der Nacht fährt ein Familienvater außerhalb der Stadt einen Hund an. Ein einfacher Unfall – so scheint es. Die Ereigniskette, die er auslöst, kann man sich noch gar nicht ausmalen. Das Auto fährt nicht mehr weiter, der Mann schafft es aber noch zur nächsten Werkstatt. Und dort hört ihn Vahid, der Mechaniker. Er erkennt seine quietschenden Schritte. Das Entsetzen steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Zwei Wendungen später hat Vahid den zufälligen Kunden in seinem Van entführt und gräbt ihm ein Grab – mitten in der Wüste.
„Glaubst du, ich erkenne dich nicht wieder? Unsere Augen waren verbunden, aber unsere Ohren haben alles gehört. Das Geräusch deiner Schritte. Das Quietschen deiner Beinprothese würde ich überall heraushören, dieses grauenvolle Geräusch hallt noch immer in meinen Ohren nach, jeden Tag.“
Wütend schaufelt er den Sand auf den gefesselten Mann, den er „Eghbal“, „Holzbein“, nennt. Er ist sich sicher, von ihm im Gefängnis gepeinigt worden zu sein. Der kämpft um sein Leben, behauptet, er habe sein Bein vor kurzem erst in einem Unfall verloren.
„Sieh dir meine Narben an! Dann wirst du sehen, dass sie noch ganz frisch sind, ich habe heute einen Arzttermin. Sieh doch selbst nach, dann wirst du mir glauben.„
Raffinierte Parabel über Menschlichkeit
Bisher geschah alles im Affekt. Doch dann beginnt Vahid zu denken. Ein kurzer Moment des Zweifels – und er kann seine Rache nicht vollziehen. Was als konzentrierter, schnörkellos inszenierter Thriller begann, weitet sich bald zu einer raffinierten Parabel über Menschlichkeit aus. Denn es ist seine Menschlichkeit, seine Fähigkeit zu zweifeln und sich einzufühlen, die Vahid erst so richtig reinreißt – und mit ihm weitere Personen.
Auf der Suche nach Gewissheit fährt Vahid kreuz und quer durch Teheran und findet ehemalige, traumatisierte Häftlinge, die ansonsten nicht viel gemeinsam haben: die Fotografin Shiva, die dachte, ihren Frieden gemacht zu haben; ein Brautpaar, das sie gerade fotografiert; und ihren unbeherrschten Ex-Mann Hamid. Sie alle steigen nach und nach in den Van, in dem der vermeintliche Folterer liegt, der Vertreter eines unmenschlichen Regimes. Das Chaos ist vorprogrammiert.
Ein Van als rollendes Tribunal
Mit einer so schlichten wie zwingenden Geschichte voller abstruser Verwicklungen entfaltet Jafar Panahi ein gesellschaftliches Panorama im Kleinen, nämlich im Van. Es ist ein Kammerspiel auf Rädern. Das rollende Setting passt zum mobilen, heimlichen Filmemachen, wie wir es bereits aus „Taxi Teheran“ kennen. Damals hatte Panahi Berufsverbot. Das wurde zwar aufgehoben, dennoch entstand „Ein einfacher Unfall“ ebenfalls als „Underground“-Projekt – eine Genehmigung hätte es dafür nie gegeben.
Panahi zeigt eine Gesellschaft, die gelähmt ist durch gegenseitiges Misstrauen. Vergeblich wird darum gerungen, was mit dem inzwischen betäubten Eghbal zu tun sei. Dabei rückt die Frage ins Zentrum, wie Gerechtigkeit und Heilung möglich sind. Jafar Panahi stellt diese Frage in einem Moment, in dem das Regime noch immer fest im Sattel sitzt. Und er geht dafür ein hohes persönliches Risiko ein. Denn „Ein einfacher Unfall“, der, wie er selbst sagte, durch seinen eigenen Aufenthalt im Gefängnis inspiriert war, könnte ihn genau dorthin zurückbringen.
Interview zum Film
Ein einfacher Unfall
„Sie spüren, dass ihre Macht ein Ende hat“ (Katja Nicodemus, Die Zeit)
Wie gefährlich kann Kino sein? Ein Gespräch mit dem Regisseur Jafar Panahi über seinen neuen Film – und über den Iran.
Er ist ein unbeugsamer Regisseur, und er hat sich immer wieder mit den unbeugsamen Frauen seines Landes verbündet. In seinem Spielfilmdebüt „Der weiße Ballon“ (1995) erzählte Jafar Panahi von einem kleinen Mädchen, das sich für seinen Traum, einen Goldfisch, durch Teheran kämpft. In „Der Kreis“ (2000) folgte er einer Handvoll Frauen, die sich im Alltag ihrer Rechte beraubt sehen. In „Offside“ (2006) verbündete er sich mit einer Mädchenclique, die in Männerkleidung versucht, ein Fußballspiel zu sehen – und dabei auffliegt. Panahis Filme passen nicht ins Bild des Regimes. Seit 2010 hatte er Berufs-, Interview- und Ausreiseverbot. Dreimal wurde er inhaftiert. Ohne Genehmigung drehte er fünf Filme, die erfolgreich auf großen Festivals liefen, unter anderem den Berlinale-Gewinner „Taxi Teheran“ (2015). Nachdem er im Februar 2023 nach sieben Monaten aus der Haft entlassen wurde, erhielt er seinen Reisepass zurück. Nun stellt er in Cannes seinen neuen Film „Ein einfacher Unfall“ vor. Dies ist Panahis erstes Interview mit einem deutschsprachigen Medium seit 15 Jahren.
DIE ZEIT: Herr Panahi, 15 Jahre lang durften Sie nicht mit Journalisten sprechen – nach Ihren eigenen Angaben das einzige Verbot, das Sie nicht gestört hat.
Jafar Panahi: Ich gebe dieses Interview gerne, aber ich fand das Verbot auch praktisch. (lacht) Von allen Strafen war es die am leichtesten zu ertragende.
ZEIT: In den fünf Filmen, die Sie während des Berufsverbots drehten, waren Sie Ihr eigener Hauptdarsteller und spielten verschiedene Versionen von sich selbst. War das auch ein Widerstand gegen das verordnete Verschwinden?
Panahi: Es war gar keine bewusste Entscheidung, das ergab sich von selbst. Wegen des Verbots durfte ich keinerlei Aufmerksamkeit erregen. So wurden zunächst unser Wohnzimmer in Teheran oder unser Haus am Kaspischen Meer zum Filmset, wo ich meine Gedanken, Sorgen, Ängste und Zweifel vor die Kamera bringen konnte. Dann drehte ich heimlich Filme draußen, ohne Genehmigung, etwa Taxi Teheran. Es liegt ja nahe, dass ein Regisseur, der keine Arbeit hat, Taxi fährt. Mit den Menschen, die bei mir einstiegen, nahm der iranische Alltag auf dem Rücksitz Platz. Andere Filme entstanden in ländlichen Regionen.
ZEIT: Bei Ihrem letzten Gefängnisaufenthalt saßen Sie nicht mehr in Einzelhaft, sondern in einem Trakt mit Ihrem Kollegen Mohammad Rasoulof. Wie vertreiben sich zwei Regisseure hinter Gittern eigentlich die Zeit? Spricht man übers Kino? Über zukünftige Projekte?
Panahi: Ich liebe es, über das Kino zu sprechen, aber am liebsten, wenn ich nicht hinter Gittern bin. Rasoulof und ich, wir haben viel geredet, aber vor allem hörten wir unseren Mitgefangenen zu, die viel mehr als wir zu erdulden hatten. Daraus entstand später das Drehbuch zu meinem neuen Film Ein einfacher Unfall.
ZEIT: Beginnt jetzt für Sie ein neuer Abschnitt?
Panahi: Mit Ein einfacher Unfall konnte ich an meine früheren Filme vor dem Berufsverbot anschließen. Ich habe mich stets als sozialer Filmemacher gesehen. Ich mache humanistische Filme. Filme über Menschen und ihren Alltag im Iran. Mir war aber bewusst, dass ich für einen Film mit diesem Thema keine Drehgenehmigung bekommen würde. Deshalb waren die Bedingungen, unter denen er entstanden ist, gar nicht so viel anders. Ich musste immer noch heimlich drehen.
„Natürlich hatte ich Rachefantasien“
ZEIT: Wie hat das Regime auf die Einladung Ihres Films zum Festival reagiert?
Panahi: Der Geheimdienst hat Crewmitglieder sowie die Schauspielerinnen und Schauspieler zu Verhören einbestellt. Natürlich bin ich immer mitgegangen und habe vor dem Gebäude gewartet, bis sie wieder herauskamen.
ZEIT: In dem Film begegnet ein einfacher Arbeiter dem Mann, der ihn im Gefängnis gequält hat. Er kidnappt ihn und sucht andere Leidensgenossen auf. Gemeinsam fragen sich alle, was sie mit ihm machen sollen. Hatten Sie jemals Rachefantasien?
Panahi: Natürlich. Aber wenn ich einen Film drehe, geht es nicht um meine Instinkte und Fantasien, sondern um die Frage, wie wir die Zukunft dieses Landes hinkriegen. Anders als gewaltlos ist die Zukunft des Iran für mich nicht denkbar.
ZEIT: Ist es Ihr bisher offen politischster Film?
Panahi: Das Thema mag diesmal politischer sein, aber es gibt für ihn dennoch eine soziale Lesart. Unter den Figuren sind ein Arbeiter, ein Mechaniker, eine Fotografin, die vorher Journalistin war. Sie wurden aus unterschiedlichen Gründen verhaftet. Der Arbeiter, weil er mit seinen Kollegen für die Auszahlung der Löhne protestierte, die Fotografin, weil sie gegen den Schleierzwang demonstrierte. Ihr Leben geht in den Film ein.
ZEIT: Die Fotografin im Film trägt keinen Schleier. Nur wenn sie mit Autoritäten oder potenziellen Denunzianten spricht, streift sie ihn über. Ist das eine pragmatische Maskerade?
Panahi: Das können Sie so sehen, aber ich sehe es so: Wenn die Fotografin ein liberaler Mensch ist, kann sie den Glauben und die Werte ihres Gegenübers respektieren. Auch beim Betreten einer Apotheke legt sie den Schleier an, weil sie die religiöse Haltung des Apothekers respektiert. Das ist ein freiwilliger Akt. Die Islamische Republik hingegen nimmt sich heraus, uns vorzuschreiben, wie wir auftreten und uns kleiden sollen. Sich so zu kleiden, wie man will, und dabei zu versuchen, den Blick und die Haltung des Gegenübers zu respektieren, das ist für mich praktizierte Demokratie.