Frau Winkler verlässt das Haus
D 26, R: Doris Dörrie, FSK: 12, 119 min
Mit Angela Winkler, Laura Tonke, Josef Ellers
Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr
Achtung: Aufgrund der Brückenbaustelle eingeschränkte Parkplätze vor dem Haus.
Im gar nicht so fernen Jahr 2030 ist der ehemaligen Schauspielerin Frau Winkler (Angela Winkler) nichts mehr geblieben als ihre Tochter Emi (Laura Tonke) und Enkelin Billie (Zoë Baier). Ihr geliebter Ehemann und Bühnenpartner ist viel zu früh verstorben, aus ihrer Trauer hat Frau Winkler nie ganz herausgefunden und sich immer ganz auf Emi verlassen. Diese ist ebenfalls Schauspielerin, will endlich ihr eigenes Leben in die Hand nehmen und nimmt ein Theaterengagement an. Doch ausgerechnet da stürzt ihre Mutter schwer und ist plötzlich auf intensive Hilfe angewiesen. Schnell muss eine Lösung her und die überforderte Tochter besorgt einen humanoiden Pflegeroboter, den die Krankenkasse stellt.
Zuerst rebelliert Frau Winkler vehement gegen die Maschinenbetreuung, sie fühlt sich gedemütigt. Doch da der Roboter ihre literarischen Vorlieben teilt und ihr auch sonst die fehlenden zwischenmenschlichen Kontakte ersetzt, entwickelt sich eine unerwartete Freundschaft zwischen der 80-Jährigen und dem äußerst „belesenen“ Roboter, den sie Pawlowitsch nennt und der zu ihrer Verzückung wunderbar Tschechow rezitieren kann. Aber Pawlowitsch ist nicht nur eine interessante neue Gesellschaft für Frau Winkler, er übermittelt auch ihre sich stetig verschlechternden Vitalwerte an ein auf Effizienz bedachtes Gesundheitssystem. Pawlowitsch verspricht, ihr beizustehen, aber kann eine künstliche Intelligenz einem Menschen ein Versprechen geben, das auch zu halten ist?
Eine bittersüße, zutiefst berührende Tragikomödie über Fürsorge, Verlust, und menschliche Widerstandskraft in einer zunehmend technisierten Welt: Der Film besticht durch die einfühlsame Darstellung eines Pflegefalls, die differenzierte Schilderung von KI-Anwendungen und einen leisen Humor. Zudem strahlt der dialogreiche, ausgezeichnet gespielte Film trotz ernster Themen von Pflegenotstand bis zur Sterbehilfe eine bemerkenswerte Leichtigkeit aus.
Einmal mehr widmet sich Regisseurin und Drehbuchautorin Doris Dörrie brennenden Themen unserer Gegenwart und knüpft damit an die emotionale Tiefe ihrer Meisterwerke wie KIRSCHBLÜTEN – HANAMI und GRÜSSE AUS FUKUSHIMA an.
Der Film läuft auch am Mi 11.11. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.
Pressestimmen zum Film
Frau Winkler verlässt das Haus: einer der schönsten Filme von Doris Dörrie
Von Knut Elstermann / radioeins.de
Es ist nur noch ein ganz kleiner Schritt in die Zukunft, von der Doris Dörrie in ihrem neuen Film erzählt. Für die Pflege ihrer kranken, depressiven Mutter (gespielt von Angela Winkler) mietet die überforderte Tochter Emi (Laura Tonke) einen humanoiden Roboter an, der zugewandt, herzlich und von schneller Auffassungsgabe ist. Anfangs fremdelt die unwirsche Frau Winkler noch sehr, doch dann weiß sie den Gefährten zu schätzen.
Ihre Tochter probt indessen im Theater die Olga in Tschechows „Drei Schwestern“, eine Rolle, in der auch ihre Mutter einst glänzte – kein Wunder, dass die Vergangenheit immer wieder ihr Spiel überschattet.
„Frau Winkler verlässt das Haus“ ist einer der schönsten Filme von Doris Dörrie. Menschenfreundlich und spielerisch verbindet sie mit ihren wunderbaren Darstellerinnen das Schicksal der beiden Frauen mit den großen Themen unserer Zeit: Altern, Einsamkeit, Zukunftsangst. Wie Tschechow in seinen Stücken stellt sie die einfache Frage, die so schwer zu beantworten ist: Wie soll man leben? Irgendwann wird selbst der Roboter darauf eine gültige Antwort finden müssen.
Frau Winkler verlässt das Haus
Von Britta Schmeis / epd-film.de
Bittersüße Tragikomödie von Doris Dörrie über Trauer, geplatzte Träume, Verantwortung – und den Pflegeroboter Pawlowitsch.
Ein Pflegeroboter, der die Betreuung einer gebrechlichen, teils bettlägerigen alten Frau übernimmt, könnte zu einem dystopisch-bedrückenden Horrorszenario geraten. Nicht so bei Doris Dörrie. In der von ihr erschaffenen Welt sind menschlich anmutende Roboter längst zu selbstverständlichen Alltagshelfern geworden. Niemals angstvoll, vielmehr mit einem unaufdringlichen Interesse blickt sie auf diese Welt und beschreibt sie mit nahezu beschwingter Eleganz. Dörrie geht es einmal mehr um die philosophischen Fragen des menschlichen Zusammenlebens, um Verantwortung, Fürsorge, geplatzte Träume und um Familie – und das mit einem großartigen Ensemble.
Frau Winkler (Angela Winkler) ist beim Richten der Gardine gestürzt. Es ist eine der ersten Szenen und offenbart schon eines dieser kleinen Details, die so viel über Frau Winklers Leben erzählen, vielleicht über das Leben vieler einsamer Menschen. Denn Frau Winkler zieht jeden Morgen die Gardine mehrmals auf und zu – als Lebenszeichen für ihre Nachbarin, die sie gar nicht kennt. Nach dem Sturz benötigt Frau Winkler intensive Pflege, die ihre Tochter Emi (Laura Tonke) nicht leisten kann, schon gar nicht als sie endlich ein Engagement am Schauspielhaus Lübeck in Tschechows »Drei Schwestern« bekommt. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist ohnehin ambivalent. Vor allem Frau Winkler klammert sich mit Schroffheit an ihre Tochter, scheint ihr weder Eigenständigkeit noch Glück oder Erfolg zu gönnen. Egoismus wirft sie ihr immer mal wieder vor.
Dennoch engagiert Emi einen Pflegeroboter, der nicht nur die Betreuung übernimmt, sondern bei entsprechendem Wunsch auch auf den von ihm assistierten Tod vorbereitet. »Human und volkswirtschaftlich« sei so ein Roboter, erklärt Selma von der Anbieterfirma. Natürlich ist die Ablehnung Frau Winklers am Anfang groß, und doch weiß sie die KI-generierte Maschine nach und nach zu schätzen. Pawlowitsch nennt sie ihn, nach Tschechow, denn auch Frau Winkler war einst Schauspielerin. Ihr divenhaftes, kapriziöses Verhalten hat sie sich bewahrt. Auch sonst lernt Pawlowitsch schnell – auch wenn dem Roboter durchaus Grenzen gesetzt sind. Doch Pawlowitsch weiß, wie er Frau Winkler aufmuntern kann, und scheut auch Konfrontationen nicht. Allerdings verlässt er mit ihr auch mal regelwidrig das Haus, um ihr im Café ein alkoholisches Getränk zu bestellen, das verwehren ihr die Serviceroboter in der Regel, weil sie keine Freigabe hat. Es gab da wohl mal ein Problem mit Alkohol in ihrem Leben – nach dem frühen Tod ihres Mannes und Emis Vaters Bruno (Josef Ellers), ebenfalls ein Schauspieler. Ihre Trauer darüber haben Tochter und Mutter nie überwunden, niemals gemeinsam zu bewältigen versucht.
In Rückblenden schwenkt Dörrie in die Zeit, als Frau Winkler ihren Bruno am Theater kennenlernte, wie sie mit ihm ebenfalls Tschechow spielte. Dabei lässt Dörrie die junge Frau Winkler von Laura Tonke spielen, von Angela Winkler aber sprechen. Das ist unaufdringlich berührend. In der scheinbar simplen Spiegelung können sich beide Figuren ineinander hineinfühlen – in ihre Sehnsüchte, Ängste und Fehlbarkeiten. Überhaupt ist da immer wieder Tschechow. Denn auch Emis Leben als aufopferungsvolle Tochter und alleinerziehende Mutter und das der von ihr gespielten Olga in »Drei Schwestern« weisen Parallelen auf.
Angela Winkler spielt diese alte, traurige und vom Leben enttäuschte Frau mit der ihr ganz eigenen leisen Zurückhaltung und aufbrausenden Granteligkeit. Laura Tonke verkörpert ihre Emi mit Verletzlichkeit und Traurigkeit. Auch die Nebenrollen sind grandios besetzt: Via Jikeli als die junge Selma, die selbst am vermeintlichen Perfektionismus der Roboter verzweifelt und ihre eigenen Träume hat, oder Emis Tochter Billie, verkörpert von der jungen Zoë Baier, die auch in »22 Bahnen« an der Seite von Tonke spielt. Und da sind auch noch Eugene Boateng als Emis Schauspielkollege und Doris Kunstmann als Frau Winklers Nachbarin. Doris Dörrie ist wieder einmal eine bittersüße Tragikomödie gelungen, mit leisem Humor und stiller Melancholie.