Hiddensee
D 26, R: Annekatrin Hendel, FSK: o.A., 119 min
Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr
Hiddensee, ein nur 17 Kilometer langer Streifen Land in der Ostsee, geliebt als Sehnsuchtsort der Freiheit, an dem sich Natur, Kunst und deutsche Geschichte überlagern. Sonnenanbeter, Nacktbader, Künstler, Punks und Prominente strömen seit jeher in Scharen auf die Insel. Der Dokumentarfilm reist durch ein ganzes Jahrhundert bis in die goldenen 1920er zurück, als die intellektuelle Avantgarde hier zu Hause ist – wie Stummfilmstar Asta Nielsen oder Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann.
Damals wie heute ist Hiddensee gezeichnet von politischen Verwerfungen, die sich im ganzen Land abspielen. Deutschland im Miniaturformat. Mehrere Erzählstränge, verschränkt über Zeiten und Generationen, führen schließlich zu den sich unaufhörlich zuspitzenden Spannungen der Gegenwart. Ohne die Widersprüche von Insel und Menschen lösen zu wollen, entsteht das Bild eines ebenso idyllischen wie konfliktreichen Orts, der nichts von seiner Faszination eingebüßt hat.
„Endlich mal ein Film, der die Klischees der Insel weglässt.“
In hypnotisch schönen Schwarz-Weiß-Bildern verwebt die preisgekrönte Regisseurin Annekatrin Hendel Landschaft, wechselvolle Geschichte und Schicksale zu einem faszinierenden Porträt und blickt wie durch ein Brennglas auf Bewegungen, die weit über die legendäre Ostseeinsel hinausreichen. HIDDENSEE ist ein gleichsam poetisches wie beunruhigendes Kinoerlebnis voller visueller und erzählerischer Kraft.
Eintritt: 8 € / erm. 6 €
Achtung: Aufgrund der Brückenbaustelle sind die Parkplätze direkt vor dem Haus begrenzt. Ausweichparkplätze stehen entlang der Bahnhofsstraße zur Verfügung
Pressestimmen zum Film
Von Peter Gutting / film-rezensionen.de
„Wer einmal hier war, kommt immer wieder – oder nie“. Den Spruch kann man sicher auf eine ganze Reihe von Urlaubsrefugien anwenden. Aber für die Ostsee-Insel Hiddensee trifft er besonders zu. Mit ihrer langgezogenen Schönheit von 17 Kilometern und einer Schmalstelle von nur 250 Metern ist die kleine Schwester von Rügen Sehnsuchtsort und Projektionsfläche für Naturliebhaber, Künstler und Rebellen. Wenige kleine Dörfer, keine Autos und zauberhafte Strände zogen schon früh Menschen an, die eine Auszeit von der Hektik der Städte suchten. Und so kommt man aus dem Staunen kaum heraus, wenn Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel aus dem Off die Namen der Schriftsteller, Tänzerinnen, Musiker und Schauspielerinnen vorliest, die sich hier in die Sonne legten. Bert Brecht ist unter anderen dabei, Stummfilmstar Asta Nielsen und nicht zuletzt der Dramatiker Gerhart Hauptmann, der sich hier ein Haus baute. Die Regisseurin lässt die „Promis“ der Zwischenkriegszeit in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern Revue passieren. Sie verwebt Gegenwart und Vergangenheit, Natur und Kultur, Kunst und Politik zu einer visuell ausgefeilten Collage.
Ein Glücksfall
Fotosession am Strand: Junge Models sind aus Berlin angereist und hüllen sich in lange, schwarz-weiße Gewänder, die Köpfe drapiert mit extravaganten Hüten. Ja, so könnte sie ausgesehen haben, die Berliner Avantgarde der 1920er-Jahre, die in Scharen herkam, um Seeluft zu schnuppern. Fotografin Beate Nelken, die die jungen Leute am Strand gruppiert, ist ein Glücksfall für den Film. Denn mit einem einzigen Bild spannt sie den Bogen über 100 Jahre Geschichte, nicht nur von Hiddensee, sondern von ganz Deutschland. Und fokussiert damit auf den Anspruch des Films, über den Tellerrand der Insel hinauszublicken, um individuelle Geschichten (unter anderem von einer 100-jährigen Inselbewohnerin) mit dem großen Ganzen zu verweben. Mit den „Goldenen Zwanzigern“, der Nazi-Diktatur, der DDR, der Wiedervereinigung und einem kommunalpolitischen Streit zwischen dem Bürgermeister und dem Pastor, der aktuell die Insel spaltet.
Annekatrin Hendel ist in Sachen Hiddensee natürlich nicht neutral. Sonst hätte sie den eingangs zitierten Spruch wohl kaum an den Beginn des Films gestellt. Sie zählte in den 1980ern zu den Ostberliner Teenagern, die auf der Insel ihre Freiheit entdecken. Hier sei es ideal gewesen „für uns Stromer, Mittellose, Möchtegern-Künstler“, schreibt sie in ihrem Regiekommentar. Die Punks der 1980 bilden die eine der drei Erzählebenen, die die Montage ineinander schichtet – die Konzerte der Band „Feeling B“ auf Hiddensee waren legendär. Die zweite Ebene wird von den hier urlaubenden oder hergezogenen Künstlern und Intellektuellen geprägt – dokumentiert in Fotos und künstlerisch verfremdet durch den Hiddenseer Puppenspieler Karl Huck. Der Dreh in der Gegenwart dreht sich vor allem um den Streit zwischen jenen, die den stillen Charme der Insel bewahren wollen – im Gegensatz zum Bürgermeister und seiner „Allianz für Hiddensee“, die in Sachen Kultur mehr auf Mainstream und „Ballermann“-Star Jürgen Drews stehen.
Formales Statement
Das kontraststarke Schwarz-Weiß ist quasi das einzige Statement des essayhaften, zu Assoziationen und urlaubstypischen Tagträumereien anregenden Films. Es wendet sich gegen das Bunte unseres hektischen Lebens, zieht uns weg vom Geflimmer der Bildschirme, konzentriert sich auf das Wesen der Dinge. Ansonsten bezieht der Film nicht explizit Stellung, weder zu der politischen Spaltung der Insulaner noch zur Überlebensstrategie eines Gerhart Hauptmann in der Nazi-Zeit. Die Machart des Films kommt eher einem Urlaubsgefühl gleich, selbst wenn sie alles andere als Tourismuswerbung oder gängige TV-Bildungsformate anklingen lässt. Kamera und Montage schaffen Luft zum Atmen, schalten einen Gang zurück und setzen Gedanken frei, die nur in Ruhe gedeihen können. Visuell ist „Hiddensee“ der opulenteste und schwelgerischste Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel geworden, die sich seit ihrem Debüt „Vaterlandsverräter“ (2011) intensiv mit verschiedenen Facetten ostdeutscher und gesamtdeutscher Geschichte auseinandersetzt.
Die essayistische Formsprache hat allerdings auch eine Kehrseite. Vieles wird nur angerissen, Personen sind nicht immer klar zuzuordnen, die Sprünge zwischen den Zeitebenen verdunkeln den aktuellen Konflikt der Gegenwart. Vor allem über die politische Ausrichtung von Bürgermeister Thomas Gens erfährt man wenig. Erst „Wikipedia“ enthüllt, dass er Funktionär der rechtsgerichteten Deutschen Volksunion gewesen sein soll, dann aus der CDU austrat und die Partei „Achtsame Demokraten“ gründete. Aber es gehört eben auch zum Wesen der essayistischen Betrachtung, dass Fragen offen bleiben, die nach dem Filmbesuch zu weiterer Recherche anregen.
Fazit:
„Hiddensee“ ist eine stille Liebeserklärung an die kleine Ostseeinsel, aber zugleich mehr als das. Annekatrin Hendel spannt in atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern einen Bogen über 100 Jahre deutscher Geschichte – und über viele individuelle Geschichten, die sich mit dem großen Ganzen verzahnen. Das Essayhafte ihrer Herangehensweise schafft urlaubstypische Luft zum Atmen, hat aber auch die Kehrseite, dass man über manche Leute gern mehr erfahren hätte.
Kino-Doku „Hiddensee“: Ein Ferienparadies als deutsche Versuchsanordnung
Sehnsuchtsort, Künstlerparadies, DDR-Freiraum: Annekatrin Hendel erzählt die Geschichte der Insel Hiddensee als deutsches Panorama zwischen Freiheit und Anpassung, Mythos und Verdrängung. Ein Blick hinter die Ferienidylle und die Frage, was geblieben ist.
Von
Geschichtspanorama statt einfaches Inselporträt
Annekatrin Hendels Dokumentarfilm ist kein klassisches Inselporträt, sondern ein essayistisches Geschichtspanorama. Das siebzehn Kilometer lange Eiland Hiddensee westlich von Rügen erscheint als Sehnsuchtslandschaft, Rückzugsraum und Projektionsfläche.
Künstler und DDR-Punks suchten hier Abstand von der Welt. Unter den Besucherinnen und Besuchern: Thomas Mann, Masha Kaleko, Else Lasker-Schüler, Albert Einstein, Friedrich Wilhelm Murnau, Sigmund Freud, Billy Wilder und Erich Kästner. Doch diese Insel der Freiheit lag niemals außerhalb der deutschen Geschichte.
Wer einmal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder, sagen alle. Um zu schauen, dass sich nichts verändert hat. Um zu schauen, dass das Verhältnis von Licht und Schatten, Gegenwart und Vergangenheit noch das gleiche ist.
Wie radikal diese Perspektive ist, zeigt bereits der Beginn. Während die Kamera die idyllische Landschaft erkundet, erinnert Hendel daran, dass der Ortsteil Vitte schon in den Zwanzigerjahren mit dem Prädikat „judenfrei“ warb. Hinter dem Mythos des Künstlerparadieses taucht die deutsche Wirklichkeit auf.
Künstlerische Anerkennung trotz Kollaboration: Gret Palucca und Gerhart Hauptmann
So begegnet man dem Stummfilmstar Asta Nielsen, dem Dichter Gerhart Hauptmann und Tanzlegende Gret Palucca, die alle zeitweise auf der Insel lebten. Ihre Biografien erzählen von Freiheit, aber auch von Anpassung, Privilegien und Verdrängung.
Gret Palucca hatte bereits in den 1920er-Jahren zeitweise in einer Künstlerkolonie auf Hiddensee gelebt. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin trat sie mit einem Solopart bei der Eröffnungszeremonie auf. „Nach 1945 entsteht die Legende vom Auftrittsverbot, die Palucca zugleich Opferstatus und Aura verleiht“, erzählt Hendel in ihrem Film weiter. „Sie, die Verfolgte, wird nun vom neuen Arbeiter- und Bauernstaat als neues Symbol präsentiert.“
Besonders Hauptmann wird vom Denkmal zum widersprüchlichen Menschen: Der einstige literarische Rebell arrangierte sich mit den Nationalsozialisten und wurde nach dem Krieg dennoch staatstragend beigesetzt. Hendel interessiert sich für Grauzonen – manchmal allerdings so sehr, dass historische Präzision verloren geht.
Insel verschiedener Freiheitsbegriffe
Am stärksten ist der Film, wenn er Geschichte nicht erklärt, sondern sichtbar macht. Puppen des Hiddenseer Puppenspielers Karl Huck verwandeln historische Persönlichkeiten in Figuren, die zugleich lebendig und fremdgesteuert wirken.
Auch Hendels eigene Geschichte gehört dazu: Als Ostberliner Jugendliche entdeckte sie Hiddensee in den Achtzigerjahren als Freiraum. Die legendären Konzerte von Feeling B gehören zu dieser Erinnerung. Christian „Flake“ Lorenz, damals Keyboarder der Band, komponierte die Filmmusik.
Hiddensee wird so zur Insel verschiedener Freiheitsbegriffe. Gerade darin liegt Hendels politische Idee: Ein Sehnsuchtsort ist niemals unschuldig, jeder lädt ihn mit seinen Wünschen auf.
Hauptmann oder Ballermann?
Am Ende führt diese Idee in die Gegenwart. Ein Streit zwischen Bürgermeister und Pfarrer steht für den Kampf um die Zukunft der Insel: Bewahrung oder Modernisierung, kulturelles Erbe oder touristische Vermarktung. Zugespitzt lautet die Alternative: Hauptmann oder Ballermann.
Doch hier wird der Film schwächer. Er macht den Konflikt atmosphärisch verständlich, erklärt seine politischen Hintergründe aber nur unzureichend. Wer welche Interessen vertritt, bleibt Andeutung.
Sichtbare Widersprüche mit visueller und essayistischer Kraft
Das ist die Kehrseite von Hendels essayistischer Methode. Vieles wird klug verbunden, manches nur angerissen. Personen bleiben schemenhaft, Zeitsprünge können verwirren. Dennoch liegt in der Offenheit eine Qualität: Hendel kehrt an einen Ort ihrer Vergangenheit zurück und entdeckt dort nicht nur die alte Sehnsucht, sondern deren Widersprüche. Das macht den Film persönlich, ohne ihn in Nostalgie aufzulösen.
„Hiddensee“ erscheint auf diese Weise als deutsche Versuchsanordnung: Paradies und Provinz, Fluchtort und Schauplatz fallen zusammen. Man kann der Geschichte auch auf einer Insel nicht entkommen. Sie bleibt im Sand stecken, zwischen den Ritzen der Häuser, in den Biografien.
Annekatrin Hendels Film macht diesen Widerspruch sichtbar – gelegentlich etwas unnötig vage, oft aber mit visueller und essayistischer Kraft. Eine Liebeserklärung an die Insel ist der Film durchaus: Sein Verdienst besteht darin, dass er ihr zugleich den Status der Unschuld, des schlichten Paradieses verweigert.