Im Schatten des Orangenbaums
ZYP/Palästinensergebiete/D/KAT/SAR/JOR/GR 25, R: Cherien Dabis, FSK: 12, 146 min
Jordanischer Kandidat für den Auslands-Oscar
Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr
Westjordanland, 1988: Als der junge Noor bei einer Demonstration schwer verletzt wird, beginnt seine Mutter Hanan die bewegende Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Von der Vertreibung aus Jaffa 1948 bis zu den Protesten Ende der 80er Jahre entfaltet sich ein vielschichtiges, ergreifendes Porträt, das von Verlust, Widerstand und Hoffnung erzählt – eindringlich und zutiefst menschlich.
Die Erzählung führt zurück ins Jahr 1948, als Noors Großvater Sharif (Adam Bakri) sich weigert, Jaffa zu verlassen, um sein Haus und den Orangenhain zu schützen. Doch Krieg, Vertreibung und Gefangenschaft reißen die Familie auseinander. Sharifs Sohn Salim (Saleh Bakri) wächst im Schatten seines Heimatlandes auf, das er nie wirklich kennengelernt hat.
Als Noor Jahrzehnte später gegen israelische Soldaten protestiert, scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Doch im Moment ihres größten Schmerzes treffen Hanan und Salim eine Entscheidung für die Menschlichkeit und geben damit Hoffnung auf Versöhnung.
Regisseurin und Darstellerin Cherien Dabis gelingt ein beeindruckendes Werk: Sie verwebt persönliche Erinnerungen mit der historischen Realität und verwandelt eine individuelle Lebensgeschichte in ein universelles Statement über Heimatverlust und Generationentrauma. Der Film glänzt visuell und atmosphärisch ebenso wie durch seine vielschichtige Darstellung: Die Menschen sind nicht nur Opfer, sondern auch Handelnde, die zwischen Erbe, Erinnerung und Widerstand ihren Platz suchen. Dennoch bleibt der Ton bedacht, verfällt nicht in politische Belehrung – denn Menschlichkeit wird hier zur Form des Widerstands. Kein leichter, aber ein lohnender Kinoabend – ein kraftvolles Werk, das berührt, zum Nachdenken anregt und mit starkem persönlichem Blick und großer historischer Reichweite zeigt, wie die Schatten der Vergangenheit bis in die Gegenwart wirken und wie das Erzählen selbst zum Akt der Heilung werden kann.
„Ein zutiefst bewegendes Epos“ The Guardian
Der Film läuft auch am Mi 25.02. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.
Pressestimmen zum Film
Im Schatten des Orangenbaums (Michael Meyns, Programmkino.de)
Zumindest für den Moment herrscht Frieden im Nahen Osten, doch wer die Geschichte kennt, mag Zweifel daran haben, wie lange er hält. Kein schlechter Moment, sich mit der lange zurückreichenden Geschichte des Nah-Ost-Konflikts zu beschäftigen, die Cherien Dabis in ihrem Melodram „Im Schatten des Orangenbaums“ aus dezidiert palästinensischer Perspektive erzählt.
1988, im Westjordanland tobt die Erste Intifada, bei der sich vor allem mit Steinen bewaffnete junge Palästinenser gegen die israelische Besatzung wehren. Einer von ihnen ist Noor (Muhammad Abed Elrahman), der wie seine Freunde protestiert – und von einer israelischen Kugel schwer verletzt wird.
Nun beginnt seine Mutter Hanan (Cherien Dabis) die Geschichte ihrer Familie zu erzählen, die symbolisch für die Geschichte der Palästinenser steht. Im Jahre 1948 steht die Gründung des Staates Israel kurz bevor, israelische Untergrundkämpfer haben die britischen Besatzungstruppen an den Rand einer Niederlage gebracht.
Die Folgen der Staatsgründung bekommen besonders die Palästinenser zu spüren, die oft seit Jahrhundert in der Region leben und nun oft Bürger eines ihnen fremden Staates werden, ob sie wollen oder nicht. Einer davon ist Noors Großvater Sharif (Adam Bakri), der zusammen mit seiner Familie in der Hafenstadt Jaffa, dem späteren Haifa, lebt. Trotz der wachsenden Gefahr weigert sich Hanan, sein Haus und vor allem seinen Orangenhain zu verlassen. Doch notgedrungen müssen seine Frau und der Sohn Salim (Saleh Bakri) die Heimat verlassen, der Orangenhain wird wiederum von israelischen Truppen beschlagnahmt.
Drei Jahrzehnte später, Ende der siebziger Jahre hat sich die Situation der Palästinenser nicht verbessert. Sharif trauert seiner Heimat hinterher, der inzwischen erwachsene Salim hat mit Noor selbst einen Sohn, der mit der regelmäßigen Erniedrigung durch israelische Soldaten aufwächst, Erfahrungen, die ihn bald selbst an die vorderste Front des Widerstandes führen werden.
Subtil ist es nicht, was Cherien Dabis, amerikanische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin palästinensischer Herkunft in „Im Schatten des Orangenbaums“ erzählt. Schon die ersten Momente lassen keinen Zweifel daran, welche Perspektive eingenommen wird: „Besetztes Westjordanland“ heißt es gleich zu Beginn, kurze Zeit später spricht Dabis in ihrer Rolle direkt in die Kamera, quasi zum Zuschauer und sagt: Lassen Sie mich erklären.
Was folgt ist ein Abriss der Geschichte der Region, der keineswegs falsch ist, der den seit über einhundert Jahren dauernden Konflikt aber natürlich nicht in seiner ganzen Komplexität darstellen kann oder will. Gerade in Deutschland könnte der dezidiert palästinensische Blick auf die Ereignisse leicht zu schweren Vorwürfen verleiten, nimmt man die quasi offizielle deutsche Staatsräson der unverbrüchlichen Unterstützung Israels als Maßstab, mag die stark einseitige Schilderung von sadistischen israelischen Soldaten, die Freude an der Erniedrigung harmloser Palästinenser haben irritieren.
Andererseits würde es manchen Deutschen sicher guttun, sich auch einmal mit der anderen Seite des Konfliktes zu beschäftigen, die eigenen Positionen zu hinterfragen. Zu diesem Zweck bedient sich Dabis aller Möglichkeiten des Melodrams, von dramatischer Musik, über weinende Kinder, bis zu einer betont menschlichen Geste der Eltern Noors. Lose soll das auf wahren Begebenheiten basieren, doch „Im Schatten des Orangenbaums“ erinnert eher an Filme wie „Das Herz von Jenin“ oder „Lemon Tree“, variiert bekannte Versatzstücke des Genres Nah-Ost-Melodram. Das geschieht auch sehr effektiv, zwar sehr einseitig, aber das lässt sich einer palästinensischen Regisseurin angesichts der tragischen Geschichte der Region und seiner Bewohner kaum vorhalten.
Im Schatten des Orangenbaums (Knut Elstermann, radioeins)
Regisseurin und Autorin Cherien Dabis wurde als Kind palästinensischer Eltern in den USA geboren. Sie spielt eindringlich eine der Hauptrollen im großen Familienepos „Im Schatten des Orangenbaums“, das von drei palästinensischen Generationen handelt, von 1948 bis in die Gegenwart.
Diese Hanan ist auch die Erzählerin, eine palästinensische Mutter, die sich in tiefer Trauer zu einer großen menschlichen Tat durchgerungen hat. Das erinnert an die wahre Geschichte, die einst im Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin“ erzählt wurde.
Cherien Dabis konventionell erzählter und sehr emotionaler Film ist ausschließlich aus der palästinensischen Perspektive erzählt. Die Trauer über die Vertreibung aus der angestammten Heimat in Jaffa, das schwere Leben unter der Besatzung im Westjordanland münden aber nie in eine Rhetorik des Hasses, sondern, ganz im Gegenteil, in eine berührende, leise Hoffnung auf Versöhnung und Verständnis. Diese internationale Koproduktion wurde von Jordanien für einen Oscar eingereicht.
Im Schatten des Orangenbaums (Michael Ranze, Filmdienst)
Familienepos um eine palästinensische Familie, deren Schicksal sich von 1948 bis 2022 vor dem Hintergrund von Kriegen und Besatzung entfaltet.
Westjordanland 1988. Noor, ein palästinensischer Teenager, nimmt nur zu bereitwillig an einer Demonstration gegen die israelische Besatzung teil. Doch dann wird er von einem Soldaten angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Plötzlich friert das Bild ein, und Noors Mutter Hanan, dargestellt von der amerikanisch-palästinensischen Regisseurin Cherien Dabis, wendet sich voller Zorn an die Zuschauer, um ihre Geschichte zu erzählen – sieben Jahrzehnte im Leben einer entwurzelten Familie. Eine Entwurzelung, die 1948, nach dem Rückzug der Briten aus dem Mandatsgebiet Palästina und dem Angriff der arabischen Staaten auf die jüdische Bevölkerung, beginnt. Eben noch hatte Sharif, der Großvater von Noor, seinen Sohn Salim hochgehoben, damit er eine Orange vom Baum im Garten pflücken kann. Doch dann bombardieren paramilitärische Truppen Jaffa und vertreiben die Palästinenser aus ihren Wohnungen. Sharif weigert sich, die Stadt zu verlassen und wird prompt verhaftet. Seine Frau jedoch verlässt mit den Kindern Jaffa und geht ins Westjordanland.
Eine Demütigung, die er nicht vergessen kann
30 Jahre später geht noch immer ein Riss durch die Familie: Während Sharif seinen Enkeln von den „guten, alten Zeiten“ vorschwärmt, will sich sein Sohn Salim pragmatisch an die neuen Verhältnisse anpassen. Doch das geht gründlich schief, wie eine emblematische Szene auf dem abendlichen Nachhauseweg beweist: Salim und sein noch kleiner Sohn Noor werden von Soldaten angehalten und bedroht. Nicht nur, dass der Vater sich selbst als Esel bezeichnen muss – er soll auch lautstark Noors Mutter als Hure beschimpfen. Eine Demütigung, die Noor nicht vergessen kann. Die Brücke zum Beginn des Films ist geschlagen.
Ein bewegendes Familienepos hat die Regisseurin im Sinn, angelegt über 70 Jahre, festgemacht an wichtigen Ereignissen wie der Staatsgründung Israels oder der Intifada, mit einem Erzählbogen bis fast in unsere Gegenwart. Cherien Dabis macht mit ihrem Film eindringlich deutlich, wie lange der Nahost-Konflikt schon andauert, ohne Aussicht auf eine Lösung wie die vielzitierten „Zwei Staaten“, aber mit der Hoffnung auf Versöhnung von Israelis und Palästinensern. Allerdings: Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 steht dieser Hoffnung diametral entgegen. Die Ermordung von 1400 Israelis, der lange Krieg im Gaza-Streifen, die vielen Toten, das Entsetzen der Weltöffentlichkeit, die Demonstrationen von Geiselangehörigen in Tel Aviv, die verzweifelten Diskussionen, das Grauen der Fernsehnachrichten zeigen, wie weit weg der Nahe Osten von einem dauerhaften Frieden ist. Dabis blendet das aus, blickt stattdessen zurück, fast ein wenig nostalgisch, wie die lichtdurchfluteten, warmen und farbenfrohen Bilder aus dem Jaffa der unmittelbaren Nachkriegszeit beweisen.
Von Generation zu Generation weitergetragen
Sie forscht aus rein palästinensischer Sicht nach den Ursachen des Konflikts und macht ihn beispielhaft an einer Familie fest. Die Vertreibung aus dem eigenen Heim, aus der Heimat, ist ein Trauma, das sich nicht so schnell heilen lässt und von Generation zu Generation weitergetragen wird. Salims Kleinmut und Ängstlichkeit sind ohne Sharifs Verhaftung nicht denkbar, ebenso wie Noors Radikalisierung erst durch Salims Beschämung durch die Soldaten ausgelöst wird. Doch diese Herleitung würde den Zuschauer emotional nicht packen, könnte in ihrer einseitigen Präsentation wohl sogar abstoßen, hätte Dabis nicht auch Menschen gezeichnet, die einfach bloß leben wollen. So beginnt der zweite Erzählstrang mit einer turbulenten Hochzeitsfeier, auf der die Gäste ausgelassen tanzen. Immer wieder zeigt der Film Szenen alltäglicher Normalität, es wird gesungen, es wird gespielt, es wird in der Schule gelernt.
Kurzum: Das Leben geht weiter. Cherien Dabis verquickt persönliche Schicksale mit der Geschichte, sie sind voneinander nicht zu trennen. Das macht ihren Film lebendig und kraftvoll.