Kino / Nachlese

In die Sonne schauen

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

D 24, R: Mascha Schilinski, FSK: 16, 154 min

Ein abgeschiedener Vierseitenhof in der Altmark. Die Wände atmen seit über einem Jahrhundert das Leben der Menschen, die hier wohnen, ihren Geschmack, ihr Sein in der Zeit. IN DIE SONNE SCHAUEN erzählt von vier Frauen aus unterschiedlichen Epochen – Alma (1910er), Erika (1940er), Angelika (1980er) und Nelly (2020er) – deren Leben auf unheimliche Weise miteinander verwoben sind. Jede von ihnen erlebt ihre Kindheit oder Jugend auf diesem Hof, doch während sie ihre eigene Gegenwart durchstreifen, offenbaren sich ihnen Spuren der Vergangenheit – unausgesprochene Ängste, verdrängte Traumata, verschüttete Geheimnisse. Alma entdeckt, dass sie nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde und glaubt, dem gleichen Schicksal folgen zu müssen. Erika verliert sich in einer gefährlichen Faszination für ihren versehrten Onkel. Angelika balanciert zwischen Todessehnsucht und Lebensgier, gefangen in einem brüchigen Familiensystem. Nelly schließlich, die in scheinbarer Geborgenheit aufwächst, wird von intensiven Träumen und der unbewussten Last der Vergangenheit heimgesucht. Als sich ein tragisches Ereignis auf dem Hof wiederholt, geraten die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart ins Wanken.

„Der Film fühlt sich an, als würden alle Ahnen, die an diesem Ort gelebt haben, gleichzeitig träumen. Die Bilder, die wir im Film sehen, sind genauso wichtig wie die Bilder, die wir nicht sehen: Vergessenes und Verdrängtes, auf das die Figuren keinen Zugriff mehr haben.“ (Mascha Schilinski)

„In die Sonne schauen“ ist kein Heimat- oder Historienfilm, eher eine Art historischer Resonanzraum; er verzichtet auf klassische Erzählstrukturen, verwebt die zeitlichen Ebenen, springt vor und zurück. Gedreht im engen 4:3-Format funktioniert er wie ein ein assoziativer Bilderstrom, der die Erinnerungsfragmente und Seelenlandschaften aller Figuren auf dem Hof miteinander verbindet – über innere Monologe, verbindende Gesten und Bildmotive.

Einen großen, epochalen Film hat Mascha Schilinski geschaffen, eine Grand Tour in die feinsten Verzweigungen der Gefühlswelten dieser vier Frauen. IN DIE SONNE SCHAUEN zielt dabei auch auf unsere Gegenwart und unser sich akut veränderndes Erleben von Geschichte und dem Epochenwandel. Ein Film, der sich tief in unsere Wahrnehmung bohrt und die Sensation dort inszeniert, wo das Empfinden am Flüchtigsten ist: im schnell verblassenden Gefühl von Zeit.

Pressestimmen zum Film

„Die Sensation von Cannes“

(Katja Nicodemus, Die Zeit)

„In die Sonne schauen“ von der Berliner Regisseurin Mascha Schilinski ist der erste Wettbewerbsfilm des Festivals. Eindrucksvoll zeigt er, was Kino sein kann.

Ein schönes Ritual der Filmfestspiele von Cannes sind die Standing Ovations zu Beginn der Weltpremieren im Wettbewerb. Gerade hat die Filmcrew den roten Teppich und die Blitzlichtparade der Fotografen absolviert. Sobald sie den großen Saal im Palais des Festivals betritt, brandet Applaus auf, „Bravo“-Rufe erschallen, über 2.000 Menschen erheben sich von den Sitzen. Noch niemand hat den Film gesehen, man beklatscht einfach die Tatsache, dass er es nach Cannes geschafft hat, auf das wichtigste Filmfestival der Welt. Insofern applaudiert man auch ein bisschen sich selbst, dem Publikum des wichtigsten Filmfestivals der Welt.

Die fast unbekannte deutsche Regisseurin Mascha Schilinski hat es mit ihrem zweiten Film In die Sonne schauen in den Wettbewerb von Cannes geschafft. Allein das ist eine Sensation, und der Film ist es auch. Eigentlich bezeichnet das Wort Sensation einen Sinneseindruck, und wirklich, die Bilder erfassen die Wahrnehmung wie Sonnenlicht, das durch geschlossene Lider fällt. Schauplatz ist ein großes Gehöft, ein sogenannter Vierseithof in der Altmark, der norddeutschen Landschaft, die an die Elbe grenzt. In diesem Backsteingebäude betrachtet die Kamera vier Mädchen und Frauen über ein Jahrhundert hinweg.

Die nächste Sensation ist, dass das eigentlich nicht stimmt, denn diese Frauen und Mädchen betrachten sich auch gegenseitig, ja, es scheint, als würden sie durch die Zeiten aufeinander blicken, als werde das, was der einen widerfährt, von der nächsten aufgenommen, weitergeatmet und -erlebt. Die kleine, blonde Alma wächst in den letzten Jahren des deutschen Kaiserreichs auf. Sie entdeckt, dass sie nach ihrer verstorbenen Schwester benannt wurde, und sie erkundet noch viel mehr mit ihren neugierigen Augen, die durch Schlüssellöcher und Spalten in Holztüren blicken. Die Blicke der meist schweigenden, buchstäblich zugeknöpften Eltern, den Alltag zwischen Religiosität und Aberglauben, die derbe Erotik der schwer schuftenden Knechte und Mägde. Zeichen, Gesten, die sich von einem Kind noch nicht entziffern lassen, die aber aufgenommen, aufgesogen werden.

Fließend vollzieht die Kamera einen Zeitsprung zu Erika, einer jungen Frau in den 1940er-Jahren. Textur, Haptik, Farbe verändern sich und damit auch das Zeitgefühl der Bilder. Mit Krücken und zurückgebundenem Unterschenkel humpelt sie wie eine Einbeinige durch die Flure des Gehöfts. In einem der Zimmer liegt ein tatsächlich versehrter, einbeiniger Mann im Bett, ihr Onkel, wie wir später erfahren. Eine erotische Neugierde und Faszination zieht sie zu seinem Körper. Mit Angelika kommt der Film in den Achtzigerjahren an – die Altmark gehört inzwischen zur DDR. Die junge Frau ist lebenshungrig, flirtet und knutscht mit ihrem Cousin, geht in die Disco, hört Schlager. Aber sie ist auch umgeben von einer Aura der Melancholie. Auf dem Hof wird wie in den Jahrzehnten zuvor gearbeitet, gekocht, Heu gemacht. Der Mähdrescher von Angelikas Vater dröhnt über die Felder. Auch die Familie der kleinen Nelly arbeitet auf dem Hof, die aus Berlin herausgezogenen Eltern renovieren das weitgehend leere, heruntergekommene Gehöft. Die Smartphones sind da, die Ästhetik der Bilder wirkt jetzt vertrauter, es wird nicht mehr Dialekt gesprochen. Nelly nimmt uns mit in unsere Gegenwart. Aber ist das wirklich so?

In manchen Momenten wirkt es so, als erzähle Mascha Schilinski mit ihrer assoziativen Montage nicht nur von einem Ort, sondern von einer einzigen, aus mehreren Frauen, Mädchen und Erinnerungen bestehenden Person, von einer einzigen aus mehreren Zeitlichkeiten zusammenfließenden Gegenwart. Dieses überzeitliche Mädchenwesen besteht aus kindlichen und pubertierenden Körpern, es erlebt die Neugierde auf die Körper der anderen, aber auch Härte, Gewalt, die Traumata der verletzten, missbrauchten Körper. Allgegenwärtig ist die Natur. Raschelnde Blätter, bleierner Himmel kurz vor dem Regen, der Sturm bei der Ernte, die angenehme Kühle des Wassers in der Hitze. Der ewige Kindersommer am Elbstrand.

Mascha Schilinskis Kinder, Mädchen und Frauen teilen eine Last, und diese sensationelle Erzählung führt sie und ihre Erinnerungen zusammen, gibt ihnen Trost, fängt sie auf. Am Ende der Weltpremieren gibt es in Cannes natürlich noch einmal Applaus. Nach In die Sonne schauen dauerte er sehr lange, und diesmal gehörte er dem Film allein.