Lolita lesen in Teheran
+++ Frauentags-Spezial +++
I/ISR 25, R: Eran Riklis, FSK: 12, 108 min
Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr
Im postrevolutionären Teheran der 1990er-Jahre wagt die Literaturprofessorin Azar Nafisi einen stillen Akt des Widerstands: In ihrer Wohnung versammelt sie heimlich sechs ihrer Studentinnen zu einem privaten Lesekreis. Gemeinsam tauchen sie in die verbotenen Werke der westlichen Literatur ein – von Vladimir Nabokov über F. Scott Fitzgerald und Henry James bis hin zu Jane Austen. Inmitten politischer Repression und religiöser Kontrolle wird das Lesen zu einem Akt der Selbstermächtigung, der die Frauen zum Reflektieren über Freiheit, Liebe und Identität inspiriert.
„Ein leises, aber kämpferisches Plädoyer für Kunst- und Gedankenfreiheit.“ (programmkino.de)
Mit LOLITA LESEN IN TEHERAN erzählt Eran Riklis (LEMON TREE) die wahre Geschichte von Azar Nafisi – basierend auf ihrem gleichnamigen internationalen Bestseller. Entstanden ist ein zutiefst bewegendes Drama über Mut, Hoffnung und die stille Kraft der Worte. In poetischen Bildern und getragen von einem herausragenden Ensemble um Golshifteh Farahani und Zar Amir zeigt der Film eindrucksvoll, wie Literatur selbst in den dunkelsten Zeiten Räume innerer Freiheit schaffen kann.
Der Film läuft auch am Mi 11.03. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.
Pressestimmen zum Film
Für die Freiheit des Denkens
Von Michael Ranze, Filmdienst
Drama um eine iranische Literaturwissenschaftlerin, die 1979 in ihre Heimat zurückkehrt, in der Islamischen Republik aber angefeindet wird und schließlich zu Hause Studentinnen unterrichtet.
Im August 1979 ist der Schah aus Teheran geflohen. Deshalb kehrt Ayatollah Khomeini aus dem Exil in Frankreich zurück und leitet, begleitet von Massendemonstrationen, die islamische Revolution an, die das Land komplett verändert. Auch die Literaturwissenschaftlerin Azar Nafisi (Golshifteh Farahani) ist mit ihrem Mann Bijan aus dem US-Exil in ihre Heimat zurückgekommen, voller Hoffnung, dass sich die Dinge nun zum Besseren wenden. Doch schon am Flughafen erlebt sie eine erste Irritation. Die Zollbeamten mustern misstrauisch die fremdsprachigen Bücher in Azars Koffer.
Gatsby wird der Prozess gemacht
Vier Romane sind es, die den Film in vier Kapitel einteilen: „Der große Gatsby“, „Lolita“, „Daisy Miller“ und „Stolz und Vorurteil“. Alles Werke, die im neuen Iran als dekadent und anstößig gelten. Azars Neuanfang am Lehrstuhl für Englische Literatur gestaltet sich entsprechend schwierig. Schon bei der Diskussion über den Gatsby-Roman von F. Scott Fitzgerald wettern die männlichen Studenten gegen die vorgebliche Unmoral und den Hedonismus des Buches. Azar regt daraufhin einen „Prozess der Islamischen Republik Iran gegen den großen Gatsby“ an und übernimmt gleich selbst die Verteidigung. Doch die Argumente prallen im Hörsaal unversöhnlich aufeinander, eine Einigung ist ausgeschlossen. Als die Professorin sich weigert, ein Kopftuch zu tragen, muss sie die Universität verlassen. Fortan unterrichtet sie ihre fleißigsten Studentinnen bei sich zu Hause, wo sie lesen und debattieren. So können sie ihrem mitunter unerträglichen Alltag für einige Stunden entfliehen.
Der israelische Regisseur Eran Riklis verhandelt nach der Autobiografie von Azar Nafisi die Bedeutung von Literatur in einer repressiven Gesellschaft. Schon im Filmtitel klingt die Frage an: Was vermag ein Buch zu leisten, wie sehr kann es Menschen (und Gesellschaften) verändern? Oder bürdet man ihm mit diesen Erwartungen zu viel Verantwortung auf? Revolution und Literatur vertragen sich jedenfalls nicht, das ist die traurige Erkenntnis dieses Films. Dies wird besonders deutlich im „Prozess“ gegen „Der große Gatsby“. Während die Männer das Buch anklagen, verteidigen die Frauen es leidenschaftlich. Was als spielerischer Austausch der Argumente und als Ode an die Fantasie gedacht war, offenbart nicht nur die Kulturfeindlichkeit des neuen Regimes, sondern auch die Kluft zwischen den Geschlechtern.
Für die Freiheit des Denkens
Die Unterdrückung der Frau, der Verlust ihrer Rechte und der Verlust ihrer Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit kristallisieren sich als weitere Themen heraus. Der private Lesezirkel wird zu einem Freiraum, in dem die Frauen unbeobachtet diskutieren und auch andere Meinungen zulassen können. Nicht von ungefähr präsentieren die vier Romane selbstbewusste Frauenfiguren, mit denen sich die Iranerinnen identifizieren können. Autobiografie wie Film schlagen so die Brücke zur aktuellen Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“, indem sie die Ursachen und die Geschichte der Unterdrückung der Frau im Iran ab 1979 auffächern. Dabei scheut Riklis nicht davor zurück, Bilder von Verhaftungen, Folter und Misshandlungen zu zeigen. In Golshifteh Farahani hat er zudem eine ausdrucksstarke Schauspielerin gefunden, die auch in anderen Filmen, etwa „Paterson“ oder „William Tell“, als Muslima Stärke und Entschlossenheit zeigte. In „Lolita lesen in Teheran“ verkörpert sie die unerschrockene, mutige und selbstbewusste Professorin, die sich unbeirrt und leidenschaftlich für die Macht des geschriebenen Wortes und die Freiheit des Denkens in einem repressiven Staat einsetzt. Dazu gehört auch die schöne Vision, dass die Buchhandlung neben der Universität noch geöffnet hat und in der Straße ein lebendiges, farbenfrohes Treiben herrscht. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Nur der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Lolita lesen in Teheran
Von Gaby Sikorski, Programmkino.de
Azar Nafisis Bestseller über ihr Leben im Iran – Eran Riklis inszeniert die Autobiografie der iranischen Exil-Autorin und Literaturwissenschaftlerin als Statement für den Mut zur geistigen Freiheit – eindringlich, klug und mit stiller, leicht düsterer Wucht.
Azar Nafisi kehrt 1979 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Architekten Bijan Naderi, nach dem Sturz des Schahs voller Idealismus aus dem US-amerikanischen Exil in ihre Heimat zurück. Sie will an der Universität Teheran englische Literatur lehren, doch die neuen politischen Verhältnisse zerstören bald alle Hoffnungen. Immer stärker wird der Einfluss religiöser Fanatiker, die Freiheit von Forschung und Lehre ist bedroht und wird immer mehr unterdrückt. Als Azar Nafisi sich weigert, im Gebäude der Universität und in ihren Lehrveranstaltungen den Hijab zu tragen, wird sie suspendiert. Doch sie findet für sich selbst eine andere Möglichkeit zu unterrichten: In ihrer Wohnung schafft sie für ihre Studentinnen und mit ihnen gemeinsam – aber auch für sich selbst – einen geschützten Raum, in dem sie über Romane wie „Der große Gatsby“ oder „Lolita“, „Stolz und Vorurteil“ oder „Daisy Miller“ spricht, sie diskutiert und interpretiert. Bücher, die ihnen unter anderem auch dazu dienen, über Freiheit, Liebe und Konventionen nachzudenken.
Ein Wohnzimmer voller verbotener Bücher und sechs junge Frauen, die mit ihrer Professorin heimlich Klassiker der Weltliteratur lesen … sie alle wissen, wie gefährlich es ist, sich gegen das islamistische Regime zu stellen, das nicht nur Frauen unterdrückt, sondern auch mit rigiden Vorschriften das gesamte tägliche Leben beeinflusst. Die allermeisten halten still – bloß nicht auffallen! – und viele sympathisieren auch mit dem Regime. Azar Nafisi geht ihren eigenen, stillen Weg der Rebellion: Sie bleibt souverän, ihr Mut und ihre Furchtlosigkeit sind beinahe beängstigend, zumal sie nicht auf Naivität beruhen, sondern auf ihrer festen Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen und das Richtige zu tun. Azar Nafisi ist Literaturwissenschaftlerin, das Lesen gehört zu ihrer DNA, es ist selbstverständlich für sie, auch Texte oder Bücher zu lesen, die ihr fremd erscheinen oder die sie ablehnt, aber die Diskussion über Texte ist ein Teil ihres Lebens, ebenso die Weitergabe ihres Wissens.
„Lolita lesen in Teheran“ ist ein relativ leises, aber kämpferisches Plädoyer für Kunst- und Gedankenfreiheit. Der Film stellt die fundamentale Frage, warum Diktaturen so viel Angst vor Literatur haben – eine Frage, die sich in Zeiten weltweit wachsender Repressionen gegen Andersdenkende und angesichts von vielfältigen fundamentalistischen Tendenzen immer mehr stellt. Riklis gelingt es, aus Nafisis autobiografischer Geschichte ein universelles Statement zu formen: Wer liest, widersetzt sich. Im Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen, in denen es offenbar akzeptabel geworden ist, Bücher zu verbrennen und Zensur zu üben, wirkt die Message dieses Films besonders eindringlich.
Golshifteh Farahani, die als Iranerin schon viele Jahre im französischen Exil lebt und dort eine bekannte Schauspielerin wurde, verkörpert Azar Nafisi mit einer beeindruckenden Mischung aus Intelligenz, Würde und unerschrockenem Mut. Ihre stille Kraft trägt den Film. Ihr Spiel vermeidet Pathos und zeigt eine Frau zwischen Wut und Resignation, zwischen Trotz und Verletzlichkeit, die sich ihre Gefühle nicht anmerken lassen will. Die sechs Studentinnen – allesamt ebenfalls von Exil-Iranerinnen gespielt – sorgen ebenfalls dafür, dass der Film authentisch wirkt. Einige ihrer Schicksale werden ausführlich beschrieben. Und auch wenn sie sich bemühen, sich nichts anmerken zu lassen, einige aus der Runde haben Verhaftungen und demütigende Untersuchungen, Folter und Misshandlungen hinter sich.
Eran Riklis inszeniert die Geschichte in klaren, fast asketischen Bildern ohne laute Farben. Die Farbgestaltung bleibt gedämpft, die Kamera beobachtet eher im dokumentarischen Sinne, statt zu kommentieren. So entsteht zusammen mit der vierteiligen Struktur – vier Kapitel, benannt nach vier Klassikern – und einer nicht ganz eindeutig linearen Handlung eine durchaus interessante Wirkung: Es liegt prinzipiell eine gewisse Düsternis und Beklemmung über dem Film, die eher selten aufgelöst wird. Das äußert sich dann besonders im Spiel von Golshifteh Farahani, die neben Angst und Wut auch immer irgendwie die Hoffnung auf bessere Zeiten in sich zu tragen scheint. Dabei hat Eran Riklis sehr auf Authentizität geachtet, die Wirkung ist enorm, so dass sich die Emotionen der handelnden Personen aufs Publikum übertragen. Die Enge des Lebens, insbesondere für Frauen, unter dem islamistischen Regime ist ebenso spürbar wie die Notwendigkeit, sich im eigenen Interesse und dem der Familie dem repressiven System zu fügen. Besonders eindrucksvoll sind aber auch die Passagen, in denen es so scheint, als ob Literatur lebendig wird – wenn die Frauen Szenen aus „Stolz und Vorurteil“ lesen und sich dazu zum Reigentanz formieren, dann scheint es für einige Momente, als wären Zeit und Raum unwichtig geworden: Es zählt nur noch der Text und der spielerische Umgang der Frauen damit.
„Lolita lesen in Teheran“ ist sicherlich kein leicht zugängliches Werk. Es erzählt von Angst, von Mut und vom unbeirrbaren Glauben an die Kraft der Worte und an die Freiheit der Gedanken. Eran Riklis verbindet politische Klarheit mit leiser Poesie, und Golshifteh Farahani ist schlicht großartig. Ein Film, der daran erinnert, welch große Rolle die Freiheit der Kunst in einer Gesellschaft spielt. Und wie wichtig es ist, den Diskurs über Texte, Bilder, Filme und Musik zu suchen, statt sie pauschal zu verurteilen.
Nafisis Erzählung und Riklis’ Film
Von Andreas Fanizadeh, die tageszeitung
Eran Riklis’ Film „Lolita lesen in Teheran“ ist eine Hommage an Literatur und weiblichen Widerstand. Überragend: Golshifteh Farahani in der Hauptrolle.
Unmittelbar nach dem Sturz des Schah 1979 kehrt ein junges Paar in den Iran zurück. Azar und Bijan tauschen ihr amerikanisches Akademikerleben gegen eines im revolutionären Iran. Sie hat ein Ruf als Professorin für englischsprachige Literatur an der Universität in Teheran ereilt, er will als Architekt den neuen Iran mitgestalten.
Doch als sie ankommen, ist die Islamisierung von Revolution und Gesellschaft bereits in vollem Gange. Bei der Einreise am Flughafen Teheran werden ihre Koffer durchsucht. Ein bärtiger Grenzer schmeißt voller Verachtung die Bücher Azars durcheinander und wirft einen besonders grimmigen Blick auf ihren Lippenstift.
An der Universität kommt es dann bald zur offenen Konfrontation zwischen den laizistisch und den islamistisch orientierten Studierenden. Im Literaturseminar von Azar wird dem Roman „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald symbolisch der Prozess gemacht. Männer gegen Frauen. Es sind hier ausschließlich die männlichen Studenten, die als Ankläger gegen die Werke westlicher Dekadenz mobil machen und Literatur ideologisch ausdeuten wollen.
Verfilmung des literarischen Bestsellers
Eran Riklis’ aktueller Spielfilm basiert auf dem autobiografischen Roman von Azar Nafisi „Lolita lesen in Teheran“, einem internationalen Bestseller von 2003. Nafisi hat ihn geschrieben, nachdem sie mit ihrer Familie aus Iran 1997 geflüchtet war.
Die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin Golshifteh Farahani, 1983 in Teheran geboren und heute im Exil in Frankreich lebend, verkörpert in der Verfilmung die Hochschullehrerin Azar Nafisi. Der Schauspieler Arash Marandi, 1984 in Teheran geboren und im deutschen Exil aufgewachsen, spielt ihren Ehemann, den Architekten Bijan.
Doch im Zentrum von Nafisis Erzählung und Riklis’ Film steht ein intellektueller Kreis von Frauen, die sich der Zensur, dem von Schiiten-Führer Chomeini angeordneten Ausschluss aus der Öffentlichkeit und der Willkür des politischen Islam widersetzen.
Islamischer Tugendterror
Die geschlechtliche Apartheid in Iran wurde von den Islamisten mit brutalem Straßenterror und staatlicher Systematik durchgesetzt. Riklis’ „Lolita lesen in Teheran“ macht dies in wenigen zeithistorisch inszenierten Szenen deutlich.
So etwa bei einem brutalen Überfall der paramilitärischen „Revolutionswächter“ auf die laizistischen Studierenden an der Universität. Auch Folter, Vergewaltigung und Mord im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis werden angedeutet, ohne sich an der Drastik gewaltvoller Bilder zu weiden.
Die Revolution frisst ihre Kinder, selten war dieser Satz wohl so zutreffend wie für das, was sich nach 1979 in Iran ereignete. Die Linke bezahlte ihr antiimperialistisches Bündnis mit den Islamisten auf tragische Weise. Sie wurde ausgelöscht, ging ins Exil oder verschwand in der inneren Emigration.
Private Salonkultur
„Lolita lesen in Teheran“ ist ein eher leiser, ein melancholischer und tiefgründiger Film. Er spricht von denen, die sich der Islamisierung im Alltag kulturell widersetzen; sich trotz Gefahren wie Azar mit Freundinnen und Studentinnen heimlich in privaten Salons zu Gesprächen und Lektüren treffen.
Dabei lebt Riklis’ Film nicht unwesentlich vom Spiel seiner überragenden Azar-Nafisi-Darstellerin Golshifteh Farahani. Auch Azars Beziehung zu Bijan verläuft schwankend. In der mitunter aufblitzenden Eifersucht des arg verständnisvollen Bijan deutet sich an, welch unterschiedliche Konsequenzen die Errichtung einer Theokratie für die Geschlechter hat und selbst ins Beziehungsleben fortschrittlicher Paare eindringt.
Nein, der Iran ist nicht Afghanistan oder der Gazastreifen. Aber einmal unter das Kopftuch oder in den Tschador gezwungen, gehen Selbstbestimmung und individuelle Freiheit verloren.
Doch „Lolita lesen in Teheran“ verdeutlicht auch, dass die städtische iranische Gesellschaft sich nie gänzlich religiösem Wahn und dem Patriarchat fügte. Und dass Bücher lesen eben doch manchmal subversiv und gefährlich sein kann.