Mit Liebe und Chansons
Oliver Armknecht / film-rezensionen.de
Paris in den 1960er Jahren: Der Schock ist groß bei Esther Perez (Leïla Bekhti), als sie bei der Geburt ihres sechsten Kindes erfährt, dass dieses eine Fehlbildung am Fuß hat und nie wird richtig laufen können. Das sagen die Ärzte. Aber was wissen die schon? Zumindest Esther will sich nicht sagen lassen, was mit ihrem Sohn Roland geschehen wird. Und so versucht sie alles, um ihm doch noch ein normales Leben zu ermöglichen. Zu dem Zweck setzt sie auf die unterschiedlichsten Methoden. Ob es nun die Dienste einer Heilerin sind, klassische Orthopädie, Gebete an den lieben Herrn oder auch die heilsame Kraft der Musik – sie lässt nichts unversucht, um ein medizinisches Wunder zu erzwingen …
Eine etwas andere Lebensgeschichte
Biografische Filme gibt es natürlich wie Sand am Meer. Wahre Geschichten stehen bei dem Publikum hoch im Kurs, zumindest wenn sie irgendwie besonders sind. Das zeigt ein Blick in die aktuelle Kinoplanung, wo die unterschiedlichsten Biopics laufen bzw. angekündigt sind. Ob wir nun in Der Hochstapler – Roofman einem dreisten Gauner folgen, wir in Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten mehr über Mutter Teresa erfahren oder Song Sung Blue von dem Auf und Ab einer Neil Diamond Tribute Band erzählt, da gibt es die unterschiedlichsten Lebensgeschichten auf der großen Leinwand zu entdecken. Mit Mit Liebe und Chansons gibt es nun eine weitere, die es sich anzuschauen lohnt, wenn wir Teil einer besonderen Familie werden.
Wobei man sich darüber streiten kann, ob das hier tatsächlich ein Familienfilm ist. Zwar bekommen wir eine Menge von dieser zu sehen. Die meisten Mitglieder sind aber nicht mehr als Komparsen in der Geschichte. Selbst Roland, um den sich ja alles dreht, bekommt relativ wenig Gelegenheit zur Selbstentfaltung. Erst im späteren Verlauf, wenn Jonathan Cohen die erwachsene Version spielt, schimmern in Mit Liebe und Chansons Charakterzüge durch. Aber selbst dann steht er im Schatten seiner Mutter, die wie eine Dampfwalze durch die Welt geht und alles niederreißt, was sich in ihren Weg stellt. Selbst eine medizinische Realität kann sie nicht aufhalten. Sie macht trotzdem weiter, weil sie nicht akzeptiert, was in ihren Augen nicht sein darf.
Das ist gerade zu Beginn mit viel Humor erzählt, wenn sich die Protagonistin mit allen möglichen Leuten anlegt. Da wird dann schon einmal eine Tanzlehrerin genötigt, den körperlich behinderten Jungen aufzunehmen, selbst wenn dieser nicht so wirklich die physischen Voraussetzungen mitbringt. Das kann schon etwas anstrengend sein, wenn die Frau mit einem beeindruckenden Tunnelblick über alles und jeden hinwegfegt und sich dabei von nichts und niemandem etwas sagen lässt. Diese wohlmeinende Tour de Force ist aber auch unterhaltsam, wenn vieles bewusste überzeichnet ist. Mit Liebe und Chansons lebt dabei von der Darstellung von Leïla Bekhti (Das zweite Leben des Monsieur Alain), die mit einer Mischung aus unbändiger Energie und Herzlichkeit auftritt und damit alle Szenen an sich reißt.
Regisseur und Drehbuchautor Ken Scott (Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte) mag es dabei aber auch gefühlig. Das gilt gerade für den späteren Verlauf, wenn es ernster wird. Die Protagonistin wird dann zudem stärker kritisiert, wenn der Sohn lernen muss, sich von der Dominanz seiner Mutter zu befreien. Denn der starke Einsatz für den Sohn führt auch dazu, dass sie alles für ihn entscheidet – selbst als er längst auf eigenen Beinen steht. Dennoch ist Mit Liebe und Chansons eine Liebeserklärung an all die Mütter da draußen, die sich für ihre Kinder aufreiben und nichts unversucht lassen, damit diese glücklich sind. Wenn es zum Ende hin heißt, dass Gott die Mütter geschaffen hat, weil er nicht überall sein kann, dann ist das ein schönes Fazit für einen Film, der durchaus Wohlfühlqualitäten mitbringt und zudem auch durch die stimmungsvolle Ausstattung und die beschwingte Musik von Sylvie Vartan das eine oder andere Lächeln erzeugen.
Fazit
Basierend auf einer wahren Geschichte erzählt „Mit Liebe und Chansons“, wie eine Mutter alles dafür tut, um ihrem körperlich behinderten Sohn ein normales Leben zu ermöglichen. Das ist anfangs unterhaltsam, später wird es gefühlvoller. Eindruck hinterlässt dabei vor allem Leïla Bekhti, die als Dampfwalze über alle hinwegfährt und so den ganzen Film an sich reißt.
Ein Feel-Good-Film voller kleiner Wunder
Ein Junge, der nicht laufen kann, Ärzte, die aufgeben, eine Mutter, die unbeirrt kämpft. »Mit Liebe und Chansons« erzählt mit Herz und Humor, wie Liebe jede Prognose überwindet
Jüdische Allgemeine / dpa
Es beginnt mit einem Schock: Ein Neugeborenes mit einem Klumpfuß, eine Mutter, deren Welt zusammenbricht. Doch statt sich dem Schmerz hinzugeben, beschließt Esther gegen den Rat der Ärzte und ihres Umfelds, dass ihr Sohn wie alle anderen laufen wird. Mehr noch: Er soll ein außergewöhnliches Leben führen.
»Mit Liebe und Chansons« erzählt die wahre Geschichte von Roland Perez, heute erfolgreicher Anwalt und Autor. 1963 wird er in Paris als jüngstes von sechs Kindern in eine jüdische Familie marokkanischer Herkunft mit einem Klumpfuß geboren. Die Ärzte prognostizieren ein Leben in Orthesen, Schienen – doch seine Mutter Esther weigert sich, dieses Schicksal zu akzeptieren. Sie trägt ihn durch Paris, sucht Heiler, Ärzte, Wunder. Schließlich wendet sie sich an eine Heilerin, die Roland in eine Art Korsett steckt, das ihn über 18 Monate immobilisiert. In dieser Zeit findet er Zuflucht im Fernsehen – und in den Liedern der heute 81-jährigen Chanson- und Popsängerin Sylvie Vartan, die damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stand.
Ken Scott (»Starbuck«) verwandelt die ungewöhnliche Lebensgeschichte und den Bestseller von Roland Perez in einen Film voller Herz, Humor und überraschender Wendungen. Dass sich der kanadische Schauspieler und Drehbuchautor als Regisseur auf Tragikomödien versteht, hat er bereits in »Starbuck« und »Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft« bewiesen.
Zwischen Heilungsversuchen und skurrilen Bewegungen
Ein Glücksgriff ist das Casting – allen voran Leïla Bekhti. Die Schauspielerin (»Ein Prophet«) stemmt die Rolle der Esther über fünf Jahrzehnte hinweg mit einer Wucht, die fasziniert: anrührend und erdrückend, zärtlich und manipulierend, liebevoll und gnadenlos. Sie ist überwältigend, wenn sie gegen Ärzte und Behörden kämpft, der Sozialarbeiterin (Jeanne Balibar) trotzig beweist, dass Gebete, Wunderheilung und Vartan mehr bewirken können als jede Therapie.
Auch Jonathan Cohen (»Der Nächste, bitte!«) überrascht. Bekannt als Charmeur, zeigt er als erwachsener Roland eine neue Facette: einen Mann, der seiner Mutter alles verdankt – und doch frei von ihr sein möchte. Esther kontrolliert jeden Schritt, mischt sich sogar in Hochzeit, Beruf und Eheleben ein. Cohen fängt den inneren Konflikt zwischen Dankbarkeit, Schuldgefühlen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung nuancenreich ein.
Scott spannt Rolands Lebensgeschichte von den 1960ern bis heute, unterstützt von Archivmaterial und TV-Rekonstruktionen, die dem Film lebendiges Zeitkolorit verleihen. Mit Tempo wechselt der Film zwischen Szenen der Kindheit, wilden Heilungsversuchen, skurrilen Begegnungen und überraschenden Musikmomenten mit Vartan – und verwandelt die unglaubliche Geschichte in einen unterhaltsamen Feel-Good-Film über Entschlossenheit, bedingungslose Liebe und Befreiung.