Kino

Moscas – Fliegen und andere Gäste

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MEX 26, R: Fernando Eimbcke, FSK: 6, 101 min

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

Olga führt ein streng abgezirkeltes Leben in einem großen Wohnblock in Mexico Stadt, ohne Freundschaften und Beziehungen. Als sie in einer finanzielle Notlage ein Zimmer untervermieten muss, zieht ein Mann vom Land ein, der seine schwer erkrankte Frau im nahegelegenen Hospital unterstützt. Erst spät bemerkt Olga, dass der Mann nachts seinen 9-jährigen Sohn mit in die Wohnung schmuggelt. So groß ihre Wut sein mag, sie kann sich dem Charme des Jungen nicht entziehen, der nichts unversucht lässt, um zu seiner Mutter ins Krankenhaus zu gelangen. Olgas Leben beginnt sich auf überraschende Weise mit dem ihrer ungebetenen Gäste zu verflechten, ihre sorgsam kontrollierte Welt verwandelt sich und auch ihre eigenen Verluste kommen an die Oberfläche. Der im leichten Tonfall gehaltene Film über Annäherung und Abschied wird vor allem von dem zutraulichen Charme des jungen Darstellers getragen. In atmosphärischen Schwarz-weiß-Bildern entfaltet sich ein sensibles und berührendes Sozialdrama.

„Ein stiller, wunderbar verspielter Film über die Möglichkeit, das Leben noch einmal neu zu beginnen.“ (artechock.de)

Eintritt: 8 € / erm. 6 €

Achtung: Aufgrund der Brückenbaustelle sind die Parkplätze direkt vor dem Haus begrenzt. Ausweichparkplätze stehen entlang der Bahnhofsstraße zur Verfügung

Der Film läuft auch am Mi 15.12. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.

Pressestimmen zum Film

Wenn die Fliegen verstummen

Fernando Eimbckes Moscas – Fliegen und andere Gäste erzählt in poetischen Schwarzweißbildern von Einsamkeit, Verlust und einer unerwarteten Nähe. Es ist ein stiller, wunderbar verspielter Film über die Möglichkeit, das Leben noch einmal neu zu beginnen.

Von Axel Timo Purr / artechock.de

Es beginnt mit einer Fliege. Einer jener lästigen Kreaturen, die sich nicht vertreiben lassen, die immer wieder­kehren, die summen und kreisen und sich hart­nä­ckig weigern, zu verschwinden. Fernando Eimbcke nimmt sich viel Zeit für dieses kleine Insekt, viel­leicht etwas zu viel. Denn die Symbolik scheint allzu offen­sicht­lich: Was einen einmal heim­ge­sucht hat, wird man nicht mehr los. Doch dann geschieht etwas Erstaun­li­ches. Aus der anfäng­li­chen Schwere entwi­ckelt sich ein Film von solcher Leich­tig­keit, dass man am Ende kaum glauben mag, wie viel Trau­rig­keit in ihm Platz gefunden hat.

„Moscas“ heißt „Fliegen“, und der mexi­ka­ni­sche Regisseur erzählt seine Geschichte in einem Schwarz­weiß, das nicht nach Vergan­gen­heit aussieht, sondern die Gegenwart auf eigen­tüm­liche Weise verwan­delt. In einem Wohnblock von Mexiko-Stadt lebt die 55-jährige Witwe Olga (Teresita Sánchez), eine Frau, die sich in ihrer Einsam­keit einge­richtet hat wie in einer Wohnung, deren Fenster man nur noch selten öffnet. Alles hat seinen Platz, alles folgt seinen Regeln. Selbst die Trauer scheint längst Teil der täglichen Ordnung geworden zu sein.

Doch Olga braucht Geld für eine Operation am großen Zeh. Also vermietet sie ein Zimmer an Tulio (Hugo Ramírez), dessen Frau schwer an Krebs erkrankt ist und im Kran­ken­haus direkt gegenüber liegt. Die Nähe zur Klinik ist für ihn und seinen kleinen Sohn Cristian (Bastián Escobar) die einzige Möglich­keit, ihr wenigs­tens räumlich nahe zu sein. Aller­dings hat Tulio Olga verschwiegen, dass er nicht allein einziehen wird. So wird aus dem heim­li­chen Arran­ge­ment allmäh­lich eine Begegnung, die niemand geplant hat und die doch alle Betei­ligten verändert.

Eimbcke, der gemeinsam mit Vanesa Garnica das Drehbuch schrieb, vertraut dabei auf die Kraft der kleinen Gesten. Auf Blicke, die länger dauern, als man erwartet. Auf das Schweigen zwischen zwei Sätzen. Auf Gesichter, in denen sich ganze Geschichten abspielen, ohne dass jemand ein Wort sagen müsste.

Eine der subtilsen, schönsten Szenen zeigt Vater und Sohn, während aus der Wohnung über ihnen unüber­hörbar die Geräusche eines Liebes­akts dringen. Die Kamera bleibt bei ihren Gesich­tern, regis­triert Verle­gen­heit, Neugier, Irri­ta­tion und jenes stille Einver­s­tändnis, das manchmal nur zwischen Menschen entstehen kann, die einander sehr nahe­stehen. Es ist ein Gesichts­pan­orama von hinreißender Komik und über­wäl­ti­gender Zärt­lich­keit.

Eine ähnliche Szene ist das Fieber­messen, bei dem zwischen Cristian und Olga plötzlich ein Kuss statt ein Fieber­ther­mo­meter im Raum steht und zu einer Geste von solcher Zärt­lich­keit wird, dass sich darin die ganze, bislang unaus­ge­spro­chene Sehnsucht Olgas offenbart. Eimbcke braucht keine großen Erklärungen. Seine Figuren finden zuein­ander, indem sie einander beob­achten, sich umein­ander kümmern, gele­gent­lich auch nur gemeinsam schweigen.

Bei aller Zärt­lich­keit und lyrischen Leich­tig­keit verliert Eimbcke nie die gesell­schaft­liche Wirk­lich­keit aus dem Blick. Fast nebenbei seziert er mit gnaden­loser Präzision das mexi­ka­ni­sche Gesund­heits­system: Besuchs­re­geln, die so einfach erscheinen und sich doch als undurch­dring­li­ches Regelwerk erweisen, Medi­ka­mente, die für gewöhn­liche Menschen kaum erschwing­lich sind. Es sind die unschein­baren Grau­sam­keiten eines Systems, in dem Krankheit nicht nur Leiden bedeutet, sondern auch eine Frage des Geldes und des Zugangs ist. Eimbcke klagt jedoch nicht an, er beob­achtet und lässt die Realität wirken.

Und dann ist da noch „Cosmic Defenders Pro“, ein alter Arcade-Spiel­au­tomat, der zur vierten Haupt­figur wird. In seinem künst­li­chen Universum, zwischen elek­tro­ni­schen Geräu­schen und digitalen Kämpfen, eröffnet sich eine zweite Wirk­lich­keit. Eine, in der man verlieren und wieder von vorne anfangen kann. In der das Scheitern nicht endgültig ist und jeder neue Versuch eine kleine Hoffnung bedeutet. Der Automat wird zum heim­li­chen Herzstück des Films, zu einem Ort der Annähe­rung und schließ­lich zu einer ebenso origi­nellen wie berüh­renden Katharsis.

Überhaupt besitzt Moscas – Fliegen und andere Gäste eine wunder­bare Fähigkeit, Komik und Trauer inein­ander übergehen zu lassen, ohne die eine gegen die andere auszu­spielen. Besonders eindrucks­voll gelingt das in einer Trau­er­szene gegen Ende, in der Kekse eine entschei­dende Rolle spielen. Niemand muss etwas erklären. Und plötzlich lachen alle, obwohl der Tod im Raum steht. Viel­leicht sogar gerade deshalb. Es ist einer jener seltenen Augen­blicke im Kino, in denen sich das ganze Gewicht des Lebens und seiner Schwere für einen Moment in etwas Feder­leichtes verwan­delt.

Vieles an diesem Film könnte auch auf einer Thea­ter­bühne statt­finden. Die wenigen Räume, die sorg­fältig kompo­nierten Begeg­nungen, das präzise Zusam­men­spiel der Figuren verleihen ihm die Geschlos­sen­heit eines Kammer­spiels. Doch Eimbckes Kino lebt gerade von dem, was sich nicht auf die Bühne über­tragen ließe: den feinsten Regungen eines Gesichts, den Abstu­fungen des Lichts, der Poesie eines scheinbar neben­säch­li­chen Details, dem Blick aus dem Fenster in ein Einerlei aus Unorten.

Am Ende sind Vater und Sohn wieder verschwunden. Die Wohnung ist dieselbe geblieben, und doch ist nichts mehr wie zuvor. Olga ist erneut allein. Aber die Stille hat einen anderen Klang bekommen Wo anfangs eine Fliege summte, erklingt nun Cha-Cha-Cha. Ein kleines Wunder, wie so vieles in diese Film.


Moscas – Fliegen und andere Gäste

Von Gerhard Midding / epd.film.de

Der Mexikaner Fernando Eimbcke erzählt in atmosphärischem Schwarz-Weiß von der Freundschaft, die sich unerwartet zwischen einer Witwe und einem Jungen entspinnt, dessen Mutter nach einer Chemotherapie im Koma liegt.

Mit dem Kuss ist es um Olga geschehen. Er kommt unerwartet und dauert lang. Erst will sie ihn abwehren, aber jetzt kehrt für ein paar Augenblicke in den Film eine Stille ein, in der nur ihr Atmen zu hören ist. Es hat eine besondere Bewandtnis mit diesem Kuss, in ihm zeigt sich eine Zärtlichkeit; wie man sie im Kino gemeinhin nicht erwartet.

Die Witwe Olga (Teresita Sánchez) fürchtet, dass sie Fieber hat. Der neunjährige Cristian (Bastián Escobar), den sie widerwillig bei sich aufgenommen hat, kann das Thermometer nicht reparieren. Nun erinnert sich der aufgeweckte Junge an die Methode, die ihm seine Mutter beigebracht hat, um erhöhte Temperatur zu messen: Er presst seine Lippen auf Olgas Stirn – und kann seine Gastgeberin alsbald beruhigen. Bis zu diesem Moment – er geschieht in der 73. Minute des Films – hat sich der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke viel Zeit mit der Annäherung der zwei gegensätzlichen Charaktere gelassen. Aber nun ist endgültig ein Band zwischen ihnen geknüpft. In Windeseile entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen, die im Zeichen des Verlustes steht.

Bislang führte Olga in ihrer Wohnung ein abgeschiedenes Dasein, brachte ihre Tage in einem streng kontrollierten Einerlei zu. Da sie Geld für eine Operation braucht, zu der ihr die Podologin dringend geraten hat, vermietet sie das freie Zimmer an Angehörige von Krankenhauspatienten. Cristian und sein Vater Tulio (Hugo Ramírez) suchen händeringend eine Unterkunft in der Großstadt, wo sich Cristians Mutter einer Chemotherapie unterziehen muss. Die zwei sind ein liebevolles Gespann, wofür die ruppig auftretende Wirtin indes vorerst keinen Blick hat. Dann muss der Vater eilig zurück nach Hause, wo ein Job auf ihn wartet. Das Geld ist knapp; der Neunjährige bleibt nun auf sich allein gestellt.

Von den ersten Filmsekunden an, da schon im Schwarzbild eine Fliege enervierend brummt und sich letztlich nur mit drakonischen Maßnahmen zum Schweigen bringen lässt, wird klar, dass Olga keine Gesellschaft sucht. Das ist zudem der Auftakt eines außerordentlich präzisen Tonfilms. Der Plural seines Titels lässt keinen Zweifel, dass sie Cristian ebenfalls als Plage empfindet (was der deutsche Zusatz etwas freundlicher deutet). Fürwahr, der Racker ist aufgedreht und rastlos. Sein Spieltrieb ist unerschöpflich; vor allem das Videogame »Cosmic Defender« hat es ihm angetan. Er hat nicht das geringste Talent, sich zu langweilen. Da er als Kind nicht ins Krankenzimmer der Mutter gelassen wird, schließt er Freundschaft mit einem Pfleger und bezirzt die Pförtnerinnen des Hospitals. Sein Charme ist beträchtlich, aber er fruchtet nicht. Nach dem Kuss, der Olgas verdrängte Mutterliebe weckt, verschwören die beiden sich, damit der Junge endlich seine Mission erfüllen kann, der Mutter ihre Pantoffeln unters Krankenbett zu stellen.

Der Abstand, der sich zwischen den zwei Hauptfiguren wandelt, ist auch eine ästhetische Kategorie dieses in atmosphärischem Schwarz-Weiß gehaltenen Films, der auf der Berlinale mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. Es ist schlicht meisterlich, wie Eimbckes Inszenierung zwischen extremen Totalen und bezeichnenden Nahaufnahmen wechselt; auch die Einstellungsgrößen mittendrin beherrscht der Regisseur und Co-Editor großartig. Mit dem genauen Gespür für die Distanz geht eine Sensibilität im Tonfall einher. Das furchtbare Trauma, das Olga einst erlitten hat, deutet Eimbcke lediglich taktvoll an. Die Prüfungen, die dem patenten Jungen bevorstehen, setzt er ebenso diskret in Szene. Dabei wirkt es nie wie ein Stilbruch, wenn Eimbcke Momente des Magischen Realismus in den Erzählfluss einflicht. Das Videospiel steht hier Pate; es gerät indes nicht allein zur Metapher, sondern wird zum Instrument, sich in die Gefühlswelt des Jungen einzufühlen. Bald stellt sich heraus, dass »Cosmic Defender« auch eine traurige lebensgeschichtliche Bedeutung für die Witwe hat. Olga und Cris tun sich zusammen, damit ihr Schutzbefohlener endlich den Titel des Champions erringt. Wie sie ihren Triumph daheim mit einer fulminanten Tanzeinlage feiern, ist emotional so aufgeladen wie der Kuss, der zuvor die Temperatur ihrer außergewöhnlichen Freundschaft nahm.