Kino

Rose

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A/D 26, R: Markus Schleinzer, FSK: 12, 94 min
Mit Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese, Augustino Renken

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

In den Wirren des 30-jährigen Krieges erscheint ein mysteriöser Soldat in einem abgeschiedenen protestantischen Dorf. Schweigsam, schmal, das Gesicht durch eine Narbe entstellt. Der Fremde behauptet, Erbe eines seit langem verlassenen Gutshofs zu sein, und kann ein Dokument vorlegen, das seinen Anspruch bestätigt. Zum großen Missfallen der Dorfgemeinde. Allerdings setzt der Fremde alles daran, hier sein Glück zu finden. Sein Streben nach Anerkennung und Akzeptanz werden aber durch sein Geheimnis erschwert: Unter falscher Identität, unter falschem Namen und unter Vortäuschung eines falschen Geschlechts hat der Soldat seinen Weg in das Dorf genommen. Doch um seine Ziele zu erreichen, wird er auch nicht vor der Unmöglichkeit einer arrangierten Ehe mit der Tochter eines Großbauern zurückschrecken. Denn wer so weit gekommen ist, hält bald alles für möglich.

ROSE – die wahrhaftige Beschreibung einer Land- und Leutebetrügerin, die, obwohl als eine Weibs-Person geboren dem zum Trotz unter falschem Nam als Manns-Bild sich betragen, und viel üble Schandtat hat getrieben.

Für ihre Rolle als „Rose“ erhielt Sandra Hüller auf der Berlinale 2026 den Silbernen Bären.

Der Film läuft auch am Mi 30.09. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.

Pressestimmen zum Film

Rose

film-rezensionen.de // Elias Schäfer

Im 17. Jahrhundert, während der großflächigen Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges, trifft ein vernarbter, humpelnder Soldat in einem protestantischen Dorf ein. Dieser gibt an, ein verfallenes Gut mit viel Land geerbt zu haben, und will dieses Erbe nun antreten, um sich endlich, nach zehn Jahren Dienst an der Waffe, niederzulassen. Ohne dies groß zu hinterfragen, erlaubt der örtliche Großgrundbesitzer (Godehard Giese), dem kleinen, blonden Soldaten, Haus und Hof zu beziehen – doch mit Besitz kommt auch Verantwortung. Verantwortung, die nach einiger Zeit über dem Kopf des Soldaten einbrechen könnte; schließlich ist der Soldat nicht der, der er vorgibt zu sein, sondern eine Frau namens Rose (Sandra Hüller).

Viel üble Schandtat

Inspiriert von etlichen Berichten aus dem Mittelalter, in denen Frauen vorgeben, Männer zu sein, bringt Markus Schleinzer mit Rose ein historisches Drama auf die Berlinale-Leinwand, das gleichzeitig individuell und universell zu verstehen ist. Die entstellte Rose packt sich in Hosenanzug und Hut, packt generell unfassbar viel an, um ihr Leben nach ihren eigenen Regeln zu leben. Aus dem seit Jahren leerstehenden Hof wird ein ertragreiches, schickes Gutshaus, aus der eigenbrötlerischen Rose ein Herr mit Mägden und Knechten. Sobald es darum geht, das Grundstück zu vergrößern, stellt der Großbauer jedoch eine Bedingung: Rose müsse seine Tochter Suzanna (Caro Braun) heiraten, denn das Wichtigste in der überschaubaren Dorfgemeinschaft sei die Reproduktion.

Obwohl es biologisch nicht möglich ist, diesem Wunsch nachzukommen, geht Rose die Ehe ein, um einerseits nicht aufzufliegen, andererseits um endgültig innerhalb des Dorfes angenommen zu werden. Obwohl Rose im Nachhinein „viel üble Schandtat“ zugesprochen wird, gibt sie ihr Bestes, um eine stattliche, sittliche Existenz innerhalb der Dorfregeln zu führen. Ein klassisches Motiv in der Film- und Literaturgeschichte, die Hochstaplerei, wird so reduziert wie möglich, so ausdrucksstark wie nötig, in kontrastreiches Schwarz-Weiß getaucht sowie mit einem feministischen Narrativ und einer weiblichen Erzählstimme (Marisa Growaldt) versehen.

Letztere ist ein aufgrund ihrer kompromisslos erklärenden Art ein schöner Throwback zu Zeiten, in denen Direct Cinema noch nicht der Status Quo war, und vermag es, trotz manchmal fehlender Prägnanz, lose Fäden miteinander zu verknüpfen. Der Look des Filmes selbst ist eine Augenweide: Ohne Retro-Kitsch, ohne zu starke Anbiederung an moderne Trends, erschafft das Bild seine eigene Sprache und Schönheit, die vor allem in den im Hintergrund wechselnden Jahreszeiten, der Darstellung der Natur, ihren Höhepunkt findet. So fühlt man sich hier gar an bulgarische oder tschechoslowakische Produktionen aus den 1960ern erinnert, allerdings in einem kaum gekörnten, kristallklaren Gewand. Vor allem am Anfang lassen auch Béla Tarr und Ingmar Bergmans Das siebente Siegel grüßen.

Freiheit in der Hose

Die Feinheiten von Rose verbergen sich im großartigen, auf dem Boden gebliebenen Schauspiel, das sämtliche Charaktere ausstrahlen. So brillant Sandra Hüller die toughe, innerlich sanft gebliebene Rose darstellt, die zwar vor keiner Lüge zurückschreckt, ihrem Umfeld gegenüber dabei aber immer fair bleibt und in Stresssituationen auf der Kugel, die ihr Gesicht zertrümmerte, herumkaut, so stiehlt ihr Caro Braun als Suzanna fast schon umso mehr die Show. Bereits am Anfang beim Gottesdienst visuell hervorstechend, mausert sich Suzanna von der schüchternen, willenlosen Tochter, die an Rose vermittelt wird, zur selbstbewussten Hausherrin und Mutter, die noch etliche schwierige Entscheidungen treffen soll.

Moment, Mutter? Wie soll das in einer Ehe zwischen zwei Frauen zur damaligen Zeit funktionieren? Genau in diesen Kuriositäten zeigt sich die Gewitztheit der Erzählstruktur, die Geheimnisse offenbart, hiernach aber wieder etliche Fragezeichen aufwerfen lässt. Innerhalb der Schwere der Thematik, der bedrückenden Konservativität des Dorfes, der Suche nach Identität und dem Wunsch, endlich mal anzukommen, lockern perfekt platzierte Wortwitze und Situationskomik die aufkommenden Spannungen auf. Dies macht das sorgfältig recherchierte Setting noch authentischer, mittelalterlicher, absurder.

Konzipiert nach einem klassisch-dramatischen Fünf-Akte-System zeigt Rose in 93 Minuten, was deutsches Kino so besonders erscheinen lassen kann: Wie bereits 2025 bei Kein Tier. So Wild. ist es eben das oftmals verschriene Theaterhafte, das so gut zu deutschem Schauspiel, zur deutschen Sprache, zur deutschen Historie passt. Bei Rose wird sich nicht in Reimen geäußert oder eine künstliche Kulisse aufgezogen, das gesprochene Wort mäandert zwischen altertümlich hochgestochen und kontemporär flapsig (dabei nie modern zeitgeistig). Und über allem schwebt die Frage nach geschlechtlicher Identität und dem Rattenschwanz, der daran hängt. Was trotz aller hart erkämpfter LGBTQIA*- und Frauenrechte aktuell bleibt, ist die Wahrheit, die Rose in jenem Satz ausspricht, die ihr gewähltes Dasein als Mann erklärt: „In der Hose war mehr Freiheit, also bin ich in die Hose gestiegen.“

Fazit: „Rose“ brilliert nicht nur mit einer zeitlosen Optik und den herausragenden Protagonistinnen, sondern wesentlich durch die traurige, gegenwärtige Präsenz seiner Aussagen. Trotz etlicher Fortschritte in den letzten knapp 100 Jahren steckt auch im ach so progressiven Westen in der Hose immer noch mehr Freiheit. Ein wichtiger, zeitloser Film, der genau zur richtigen Zeit erscheint.

Der Film „Rose“ und das Stück Stoff, das Freiheit bedeutet

dw.com // von Elizabeth Grenier

Der Film mit Sandra Hüller in der Hauptrolle startet in deutschen Kinos. Regisseur Markus Schleinzer erklärt, wie Frauen in Männerkleidern ihn zu „Rose“ inspiriert haben und warum das Thema immer noch hochaktuell ist.

Ob die chinesische Kriegerin Hua Mulan, Frankreichs Nationalheldin Jeanne d’Arc oder die Piratinnen Mary Read und Anne Bonny: Die Geschichte kennt viele Frauen, die Männerkleidung trugen, um den ihnen zugeschriebenen Geschlechterrollen zu entkommen. Wahrscheinlich gibt es zahlreiche weitere Fälle, die nicht dokumentiert sind.

Auch Markus Schleinzers Film „Rose“ erzählt die Geschichte einer Frau, die ihr wahres Geschlecht versteckt. Das Historiendrama mit Sandra Hüller in der Titelrolle spielt im 17. Jahrhundert. Rose taucht in einer abgelegenen Dorfgemeinschaft als vernarbter Soldat auf, der aus dem Dreißigjährigen Krieg zurückkehrt. Sie behauptet, der rechtmäßige Erbe eines seit Langem verlassenen Bauernhofs zu sein.

Wegen lesbischer Liebe hingerichtet

Regisseur Markus Schleinzer ist Jahrgang 1971. Genau 250 Jahre vor seiner Geburt wurde eine Frau hingerichtet, die den größten Teil ihres Lebens als Mann gelebt hatte. Man hatte sie der „Sodomie“ beschuldigt, was damals als schlimmste sexuelle Perversion betrachtet wurde, egal ob zwischen Mensch und Tier oder zwischen Menschen gleichen Geschlechts. 1721 wurde Catharina Margaretha Linck auf Befehl des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. zum Tode verurteilt. Sie gilt als die letzte Frau in Europa, die wegen lesbischer Sexualität hingerichtet wurde.
Linck führte ein ungewöhnliches Leben. Sie trug Männerkleidung, hatte Beziehungen mit Frauen, kämpfte als Soldat und behauptete zeitweise sogar, eine Prophetin zu sein. Einige Jahre lebte sie in einer religiösen Sondergemeinschaft. Sie nannte sich Anastasius Lagrantinus Rosenstengel.

Männerkleidung für die Freiheit

Diese Geschichte führte Schleinzer tief in die Recherche über Frauen, die im Lauf der Geschichte als Männer lebten. Ihn faszinierte die Frage, „warum Menschen in andere Identitäten schlüpfen, um etwas leben zu können, das ihnen vorenthalten wird“, sagt er im DW-Gespräch. Die Gründe dafür waren sehr unterschiedlich. „Meistens ging es darum, als junge Frau einer Zwangsheirat oder Gewalt – vor allem häuslicher Gewalt – zu entgehen, sei es durch den Vater, den Arbeitgeber oder den Ehemann“, sagt Schleinzer.

Andere Frauen versuchten nach dem Tod ihres Mannes allein für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Es gab Frauen, die ganz romantisch einfach ihren Männern in den Krieg folgen wollten – was ihnen verboten war. In anderen Fällen wollten Familien ihre Ehre retten, wenn ein Sohn nicht kämpfen wollte – dann schickten sie stattdessen eine mutigere Tochter. Trotz aller Unterschiede, sagt Schleinzer, hatten alle diese Frauen dasselbe Ziel: Freiheit.

Ein politisches Drehbuch

„Das Schicksal all dieser Menschen hat mich tief berührt“, so der Filmemacher. Als queerer Mensch beschäftigt er sich schon lange mit queerer Identität und Geschichte. „Deshalb war es für mich von Anfang an ein politisches Vorhaben, dieses Drehbuch zu schreiben.“ Schleinzer wurde ausschließlich von Frauen erzogen und ist überzeugt: „Das Einzige, was uns gerade retten könnte, wäre mehr Feminismus in der Welt – und eine Rückkehr zu seinen Grundprinzipien.“

Während die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern weltweit bestehen bleibt, geschlechtsspezifische Gewalt zunimmt und Transrechte stark polarisiert diskutiert werden, erzählt „Rose“ für ihn zwar eine historische Geschichte – aber eigentlich berichte der Film über die Gegenwart, in der wir leben, so der Filmemacher. „Rose“ zeigt, wie Menschen Dinge verwehrt werden, die für andere völlig selbstverständlich sind. Für Schleinzer ist die entscheidende Frage: Warum eigentlich ist das so?

Sandra Hüller spielt mit großer Kraft

„Rose“ ist Schleinzers dritter Spielfilm nach „Michael“ (2011), dem verstörenden Porträt eines Pädophilen, und „Angelo“ (2018), über einen Jungen aus Afrika, der im Europa des 18. Jahrhunderts entführt wird. Neben seiner Arbeit als Regisseur ist Schleinzer auch Casting Director und arbeitete unter anderem mehrfach mit Michael Haneke zusammen. Dessen Film „Das weiße Band“ ist auch in „Rose“ spürbar, vor allem in der strengen Schwarz-Weiß-Ästhetik und der bewussten Offenheit vieler Szenen.

Schon früh hatte Schleinzer Sandra Hüller für die Hauptrolle im Kopf. Hüller gehört zu den prominentesten deutschen Schauspielerinnen und wurde 2023 international vor allem durch „The Zone of Interest“ und „Anatomie eines Falls“ bekannt.

„Mir war schon früh klar, dass diese Figur sehr diffizil sein wird und wahnsinnig viel leisten muss“, sagt Schleinzer. Die Herausforderung sei gewesen, Roses Tiefe nicht durch große Monologe zu zeigen, sondern vor allem durch „ganz viel Stilles“. Rose trage ständig mehrere Ebenen gleichzeitig in sich: ihre eigene Identität als Frau, ihre Rolle als Hochstaplerin – und gleichzeitig sei sie immer in Alarmbereitschaft durch die ständige Angst, entdeckt zu werden.

Hüller macht all das mit präzisem und feinem Spiel sichtbar. Für ihre Darstellung erhielt sie auf der Berlinale den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin.

Keine klassische Opferfigur

Gerade diese moralische Ambivalenz unterscheidet „Rose“ von vielen anderen Filmen über Frauen, die als Männer leben. Oft werden solche Figuren heroisiert. Doch Rose ist keine Kämpferin gegen das Patriarchat, sondern handelt aus Eigeninteresse. Sie ist viel komplexer als die klassische Opferfigur: Sie wird selbst auch zur Täterin, weil ihr Geheimnis einem anderen Menschen Schaden zufügt. Stark und verletzlich zugleich: Das macht die Rolle der Rose so spannend. „Der Film will nicht predigen“, sagt Schleinzer. Aber er regt zum Nachdenken über Strukturen und Symbole an, die Frauen bis heute einengen. Spät im Film wird Rose gefragt, warum sie sich gegen ihr Schicksal als Frau entschieden habe. Ihre Antwort ist schlicht: „In Hosen gab es mehr Freiheit.“ Dann fügt sie hinzu: „Es ist doch nur ein kleines Stück Stoff.“