Sentimental Value
N/ DK/ SE/ D/ F 25, R: Joachim Trier, FSK: 12, 133 min
Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr
Großer Preis der Jury in Cannes und Europäischer Filmpreis für den Besten Film
Nach dem Tod ihrer Mutter stehen die Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes Borg (Inga Ibsdotter Lilleaas) vor der Herausforderung, sich mit ihrem entfremdeten Vater Gustav (Stellan Skarsgård) auseinanderzusetzen – einem einst gefeierten, inzwischen weitgehend in Vergessenheit geratenen Regisseur. Nora hat ihre Karriere als Theaterschauspielerin kompromisslos verfolgt, während Agnes ein ruhigeres Leben mit Familie und festem Beruf gewählt hat. Gustav hat ein neues Drehbuch verfasst und bietet seiner Tochter Nora die Hauptrolle an. Doch sie lehnt das Angebot entschlossen ab. Auf einer Retrospektive seiner Filme in Frankreich trifft Gustav auf die erfolgreiche Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning), der er schließlich die ursprünglich für Nora vorgesehene Rolle überträgt. Als die Dreharbeiten in Norwegen anlaufen, sieht Gustav eine letzte Gelegenheit, sich seinen Töchtern wieder anzunähern und das zerrüttete Familienverhältnis zu heilen.
„Der beste Film des Jahres“ (Vogue)
Getragen von dem großartigen Ensemble um Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Elle Fanning und Inga Ibsdotter Lilleaas erzählt SENTIMENTAL VALUE mit großer Leichtigkeit und viel Humor die Geschichte einer Familie, die noch lange im Kopf und im Herzen bleibt. Bei den Filmfestspielen von Cannes begeisterte SENTIMENTAL VALUE Publikum wie Kritiker gleichermaßen und wurde schließlich mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.
Der Film läuft auch am Mi 18.02. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.
Pressestimmen zum Film
Sentimental Value (Knut Elstermann, radioeins)
In diesem herausragenden Film des norwegischen Regisseurs Joachim Trier („Der schlimmste Mensch der Welt“) fließen Vergangenheit und Gegenwart beständig ineinander, so wie es vielleicht nur in Familien geschieht.
Die beiden Töchter Nora und Agnes (Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas) haben sich längst vom Vater, dem fast vergessenen Regisseur Gustav (Stellan Skarsgård in einer seiner besten Rollen), entfremdet, weil er sie früh verließ. Als er einen Film über seine Mutter drehen will, in dem Nora die Hauptrolle übernehmen soll, stürzen Kunst und Leben unrettbar und schmerzhaft ineinander, wobei der selbstsüchtige Gustav letztlich etwas zu gut wegkommt.
„Sentimental Value“, in dem auch das Familienhaus einen ganz eigenen Charakter und eine eigene Geschichte hat, verbindet leichthändig und mit Humor das Drama einer zerbrochenen Familie mit dem heutigen Filmemachen, die großen Fragen nach der verdrängten Verantwortung mit der Hoffnung auf eine späte Versöhnung. In Cannes wurde Trier für diesen menschenfreundlichen Film sehr zurecht mit dem Großen Preis der Jury, mit der zweitwichtigsten Auszeichnung bedacht.
Sentimental Value (Michael Meyns, Programmkino.de)
Weder Bergman noch Ibsen sind weit, wenn man als Regisseur aus dem europäischen Norden einen Film über schwierige Familienverhältnisse dreht. So überrascht es nicht, dass sich der norwegische Regisseur Joachim Trier in seinem neuen Film „Sentimental Value“ auf beide bezieht, am deutlichsten im Namen der Hauptfigur Nora, einer Frau, die im Laufe des lose strukturierten Dramas ihr Verhältnis zum lange abwesenden Vater auf den Prüfstand stellt.
Schauspieler gelten als neurotisch, als expressiv, aber auch nicht immer ganz einfach. Insofern wirkt die gut 30-jährige Schauspielerin Nora wie der Inbegriff ihrer Zunft, als sie am Abend einer Theaterpremiere einen Nervenzusammenbruch erleidet und es nur gerade so auf die Bühne schafft. Auch im Privaten läuft es für Nora eher durchwachsen, eine Familie hat sie nicht, nur eine Affäre mit einem verheirateten Bühnenarbeiter. Vor allem ihre etwas jüngere Schwester Agnes ist ihr Halt, so wie sie selbst einst Agnes unterstütze, als der Vater Georg (Stellan Skarsgård) die Familie verließ. Das ist Jahre her, viel Kontakt haben die Schwestern mit ihrem Vater nicht gehabt, der einst ein erfolgreicher Regisseur war, nun aber von den Erinnerungen an den Ruhm lebt.
Zur Trauerfeier von Nora und Agnes Mutter taucht Georg überraschend auf, nicht ganz uneigennützig: Er hat ein Drehbuch geschrieben, in dem er auch den überraschenden Selbstmord seiner eigenen Mutter thematisiert. Ausgerechnet Nora hat er nun für diese Rolle vorgesehen, doch die lehnt empört ab.
Stattdessen engagiert Georg den Hollywood-Star Rachel (Elle Fanning) für die Hauptrolle seines Films, den er im Stammsitz der Familie drehen will, einem alten Holzhaus am Rande von Oslo. Generationen der Familie haben hier gelebt, hier hat sich Georgs Mutter erhängt, hier sind Nora und Agnes aufgewachsen, hier will Georg das angespannte Verhältnis zu seiner Tochter wieder geradebiegen.
Mit seiner losen Oslo-Trilogie, bestehend aus „Reprise“, „Oslo, 31. August“ und „Der schlimmste Mensch der Welt“ hat sich Joachim Trier zum Dauergast auf dem Festivalzirkus entwickelt, nun erweitert er die Trilogie mit einer Variation der Themen, die sich durch sein bisheriges Œuvre ziehen.
Gleich in der ersten Sequenz etabliert er einen weiteren Hauptdarsteller, das Haus der Familie. In einer rasanten Montagesequenz wird die Geschichte des Hauses erzählt, von Freud und Leid berichtet, das die Wände gehört haben, davon was sich bei Parties auf den Dielen abgespielt hat. In Anlehnung an Ibsens Nora mag man hier an ein Puppenhaus denken, doch so dramatisch wie beim berühmten norwegischen Dramatiker geht es in „Sentimental Value“ dann doch nicht zu.
In losen Szenen, die gerade in der ersten Stunde erheblich ausfransen, umkreist Trier seine beiden Hauptfiguren, deutet die Ursachen für die Antipathie an, die seit langem zwischen Nora und Georg besteht. Im Gegensatz dazu steht Agnes, die vor vielen Jahren einmal in einem Film des Vaters eine Rolle spielte, so wie es nun Nora tun soll. Eine Szene aus diesem alten Film Georgs deutet an, dass es sich auch damals um eine Variation von Georgs Mutter handelte, die im Krieg gegen die deutsche Besatzung kämpfte. Ob sie an den Erinnerungen an diese Vergangenheit verzweifelte bleibt wie vieles offen, im Gegensatz etwa zu den Filmen von Ingmar Bergman, verzichtet Trier auf kathartische Szenen oder dramatische Konfrontationen.
Es sind vor allem die beiden Hauptdarsteller Renate Reinsve und besonders Stellan Skarsgård die überzeugen und aus einem im Ansatz konventionellen Familiendrama einen gelungenen Film über ein schwieriges Tochter-Vater-Verhältnis werden lässt.
Sentimental Value (Cosima Lutz, Filmdienst)
Wer das Haus seiner Eltern ausräumt, weil sie gestorben sind, begegnet auf Schritt und Tritt Dingen, die plötzlich reden. Beim Aussortieren stellen sie Fragen nach ihrem Wert: Ist er ideell, materiell oder bloß sentimental? Sie fordern Entscheidungen: Welche Vase, welches Buch hat noch Bedeutung für die Lebenden – oder diejenigen, die kommen werden?
Zwei Schwestern und ihr unzuverlässiger Künstler-Vater: Darum scheint es in Joachim Triers „Sentimental Value“ vor allem zu gehen. Der Vater ist nicht tot, aber abwesend, schon lange. Eine Trauerfeier zu Beginn holt ihn zurück. Die Mutter der Theaterschauspielerin Nora (Renate Reinsve) und der Historikerin und Archivarin Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) ist gestorben, das Haus ist voller Dinge, über deren Verbleib bald befunden werden muss, und voller freundlich murmelnder Gäste, die zuvor in der Kirche Abschied genommen haben. Der Vater Gustav Borg (Stellan Skarsgård), gefeierter Autorenfilmer und nach der Trennung vor Jahren nach Schweden gezogen, taucht nun plötzlich auf – ihm sei nicht nach Gottesdienst zumute gewesen, wird er seine Abwesenheit in der Kirche erklären. Der Glaube, erfahren wir später, hat nie eine Rolle gespielt in dieser aufgeklärten Familie.
Geheimnisse eines alten Ofenrohrs
Doch noch bevor die Töchter ihren Vater überhaupt zu Gesicht bekommen, verkrümelt er sich ins einstige Sprechzimmer der Verstorbenen, sie war Psychotherapeutin. Er verbirgt sich aus Scheu, das wäre die psychologische Deutung, oder aus dramaturgisch versierter Berechnung, das wäre eine Deutung, die in dem Vater vor allem einen Regisseur sieht. Nähe scheint ihm jedenfalls nur mittelbar möglich, Verständigung nur durch Hinwendung zu einem Medium, in diesem Fall: zu einem alten Ofenrohr.
Denn die Geheimnisse, die einst die Patienten hier preisgaben, belauschte früher Nora vom Stockwerk über dem Sprechzimmer aus, über jenes Ofenrohr. Von dieser Kindheitserinnerung erzählt Nora ihrem kleinen Neffen Erik (Øyvind Hesjedal Loven) bei einer Hausführung. Doch die heitere Sentimentalität der Tante löst sich in erschrockene Wut auf – und für die Zuschauer in Situationskomik: Als perfekter Vorführeffekt dringt aus dem Rohr unerwartet die Stimme des Vaters. Er verkündet, auf Trauerfeiern wisse er meist nicht, „ob ich kondolieren oder gratulieren soll“. Konsterniert kommt Nora buchstäblich wieder runter aus ihrem Puppenheim und begrüßt mit ihrer ebenfalls überraschten Schwester den Vater, distanziert.
Dieser Gustav, von Skarsgård mit zweifelndem Seitenblick und warmer Zugewandtheit verkörpert, ist ein nicht willkommener Einflüsterer, ein „Deus ex machina“ und ein mit billigen Tricks arbeitender Störenfried – und doch auch ein Magier. Das Ofenrohr ist eine feine Reminiszenz an Federico Fellinis „La Dolce Vita“, an jene Szene, in der die Melancholikerin Maddalena (Anouk Aimeé) und ihr Bruder im Geiste Marcello (Marcello Mastroianni) in altem Gemäuer über ein uraltes Luftröhrensystem einander ihre unmögliche Liebe gestehen. Martin Scorsese nannte den Film einmal einen „Festumzug des modernen Lebens und des spirituellen Kontaktverlusts“.
Sehnsucht nach Beheimat-Sein
Auch wenn Joachim Triers skandinavischer Oslo-Tetralogie (zuletzt: „Der schlimmste Mensch der Welt“) an der entsättigten Oberfläche nichts ferner zu liegen scheint als dionysische Paraden unter südlicher Sonne, so glüht im Gesicht seiner Hauptdarstellerin Renate Reinsve doch dieselbe pochende Sehnsucht nach Beheimatetsein wie im Antlitz von Anouk Aimée. Kritiker nannten Reinsve bereits die schlechthinnige Verkörperung der „lächelnden Depression“. Der Song „Dancing Girl“ von Terry Callier aus dem Jahr 1972 rahmt den Film; von einem gedämpft rauschhaften Tanz ist da die Rede, der den Träumenden zwischen Zeit und Raum führt, weder wach noch schlafend, weder tot noch lebendig. Um Freiheit geht es darin und darum, dass jeder in Einsamkeit geboren ist.
Man sollte fern aller Leidenschaft, jenseits aller Gefühle leben, heißt es in „La Dolce Vita“, „in jener Harmonie, wie sie nur ein vollendetes Kunstwerk besitzt, in einer solchen verzauberten Ordnung“. In dieser Ordnung lebt Gustav Borg. Er ist zuallererst radikaler Künstler. Das zeigt sich etwa darin, dass er seinem neunjährigen Enkel die DVDs von „Irreversibel“ und „Die Klavierspielerin“ zum Geburtstag schenkt; darin lerne dieser „alles über Frauen und ihr Verhältnis zu ihrer Mutter“, doziert er, während die Töchter lächelnd die Augen rollen.
Statt sich aber in die Flut von Arthouse-Familienaufstellungen einzureihen und von offenen Rechnungen zu plappern, die dann mit Gefühlsgetöse zur Versöhnung kurz vor oder nach dem Tod führen, trickst auch Trier. Er baut den Künstlerfamilien-Plot in aller psychologischen Sorgfalt und Vielschichtigkeit auf, um dann mit unterschwelligem Witz letztlich doch vor allem vom Ähnlichkeits- und Konkurrenzverhältnis zwischen Kunst und Glauben zu erzählen.
Fast alle Mittel, die Gustav braucht, um seinen vielleicht letzten Film zu drehen, sind ihm recht. Nur Nora könne die Hauptrolle spielen, sagt er ihr, nein, verlangt er; und schon da ist weniger Empathie als künstlerische Berechnung am Werk. Sie wäre nun einmal die beste Besetzung.
Das väterliche Rollenangebot wurde von der Kritik oft vorschnell als – von der Tochter wütend abgelehnter – Therapieversuch verstanden. Und es stimmt ja: Zu heilen wäre da einiges. Das zeigt schon der symbolträchtige Riss, der sich durchs alte Haus zieht, in dem schon Gustav aufwuchs, wie in Rückblenden zu sehen ist; und der einen Zusammenbruch in Zeitlupe markiert, wie es eine Off-Erzählerin anfangs erläutert. Noras Angst vor Nähe, ihre Nervenzusammenbrüche hinter der Bühne, ihr vor der Filmhandlung liegender Suizidversuch: Die durch unzählige Arthousefilme trainierte Küchenpsychologie will einem als Zuschauer unaufhörlich soufflieren, dass das sicher mit der Depression der Großmutter zu tun hat, die als Widerstandskämpferin gegen das Nazi-Regime einst gefoltert wurde und sich später erhängte.
Ein Hocker von Ikea
Weil Nora diese Rolle ablehnt, übernimmt ein Hollywoodstarlet: Rachel (Elle Fanning) bewundert Borgs Filme, setzt sich intensiv mit der Rolle auseinander, färbt sogar ihre Haare, um wie Nora auszusehen. Der wiederum sie ungeheuerlich genau beobachtende Regisseur flunkert ihr (und uns) dabei vor, dass der Film im Originalhaus gedreht werden und überhaupt alles möglichst echt sein solle. Jener Hocker zum Beispiel, auf dem sich seine Mutter erhängt habe, wie er der von so viel Authentizität erschütterten Schauspielerin erläutert: Es ist nur ein gewöhnlicher Ikea-Hocker, wie sich herausstellt.
Trier und sein Drehbuch-Koautor Eskil Vogt lassen, wie der Trickster Gustav Borg, die Frage nach der Echtheit immer wieder auflaufen, durch Schnitte, die zunächst suggerieren, man befände sich in einer privaten Situation, nur um sie als Bühnengeschehen zu entlarven oder als Filmszene. Die Kamera von Kasper Tuxen nutzt etwa kaum bemerkbare Spiegel und gleitet auf diese Weise wie selbstverständlich durch unmöglich scheinende Blick- und Zeitachsen. Extrem langsame Zooms auf weinende Gesichter zitieren distanziert Überwältigungsstrategien des psychologischen Kinos und schaffen dennoch genau das: sie überwältigen.
Etwa in einer Spiegelung zweier Schlüsselszenen: Einmal liest Rachel einen inneren Monolog aus Borgs Drehbuch, in dem es um tiefe Verzweiflung und das erstmalige Beten zu Gott geht. Sie gestaltet die Sätze mit umwerfender Kraft; später liest Nora denselben Text ab, allerdings nicht in der Absicht, ihn zu spielen, und wird von den Worten mitgerissen. Nicht sie formt den Text, der Text formt sie. So werden Gefühle gemacht.
Glaube & Kunst – Geschwister im Geiste
Heilung als Kollateraleffekt von Kunstausübung nehmen Gustav und Trier gerne mit; aber zuallererst ist „Sentimental Value“ ein radikales, weil an die Wurzeln illusionistischer Kunst gehendes Werk. Die freundliche Inkaufnahme des Liebevollen unterscheidet Borgs aus Menschen gemachtes Kunst-Haus von jenem, das der psychopathologische Möchtegernkünstler Jack in „The House that Jack Built“ baut, einem Film von Joachim Triers Namensvetter Lars von Trier. Jacks Werk, das Menschen benutzt, bleibt in grausamer Wörtlichkeit stecken. Gustav Borg hingegen ist Kyniker und sentimental höchstens im Schillerschen Sinn: Wenn das Ursprüngliche verloren ist, warum soll das künstlich Nachgebaute nicht wahrer sein als das Echte?
So überzeugend wie vielleicht noch nie gelingt es Trier außerdem, Beziehungen nicht bloß als über Generationen weitergereichte Problematik, sondern auch als synchrone Vielfalt zu zeichnen. Es ist ja nicht bloß, wie in ungezählten Familiendramen oft monothematisch ausgewalzt, Konkurrenz, die Geschwisterverhältnisse mit Blick auf den vermeintlich übermächtigen Vater prägt. Im gleichzeitigen Verstehen von Ähnlichkeit und Andersheit liegt schon die Heilung. Solche Geschwister im Geiste sind auch Glaube und Kunst, archiviertes Geschichtswissen und unzuverlässiges Erinnern. Von deren Gemeinsamkeit erzählt „Sentimental Value“: von jener kreativen Kraft, die widerständig macht gegen die Zumutung, sterblich zu sein.