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So sind wir, so ist das Leben

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F 23, R: Nathan Ambrosioni, FSK: 6, 96 min

Eine ehemals erfolgreiche Sängerin ist als alleinerziehende Mutter von fünf Teenager-Kindern vollbeschäftigt. Doch da die beiden Älteren kurz vor dem Schulabschluss stehen, stellt sich ihr plötzlich die Sinnfrage und sie beschließt gegen äußere Widerstände, ein pädagogisches Studium zu beginnen. In der berührenden Familienkomödie wirft Regisseur und Drehbuchautor Nathan Ambrosioni einen empathischen, zärtlichen und humorvollen Blick auf das Leben einer Mutter, die fünf Kinder alleine großgezogen hat und sich nun mit der Frage nach ihren eigenen Wünschen und Plänen für die Zukunft konfrontiert sieht.

Der Film läuft auch am Mi 06.03. | 19:30 Uhr im Kronenkino Zittau.

Filmkritik: So sind wir, so ist das Leben

Oliver Armknecht (film-rezensionen.de)

Als junge Frau schaffte es Toni (Camille Cottin) bis an die Spitze der Charts, nachdem sie bei einer Casting-Show mitgemacht hatte. Dann und wann läuft ihr damaliger Hit sogar noch im Radio. Doch aus der großen Musikkarriere wurde nichts. Stattdessen ist sie 42 und hat alle Hände voll damit zu tun, sich um ihre fünf Kinder zu kümmern, die sie allein aufziehen muss. Dabei stehen die Zeichen auf Veränderung. So stehen ihre beiden ältesten Kinder Mathilde (Léa Lopez) und Marcus (Thomas Gioria) kurz davor, aus der Wohnung auszuziehen und ihr neues Leben zu beginnen. Während sie versucht, die beiden darin zu unterstützen und sich weiterhin um Camille (Louise Labeque), Timothée (Oscar Pauleau) und Olivia (Julianne Lepoureau) zu kümmern, muss sie sich die Frage stellen: Was ist eigentlich mit ihr?

DIE SUCHE NACH SICH SELBST
Mit frühen künstlerischen Erfolgen kennt sich Nathan Ambrosioni aus. Schon als Teenager drehte er erste Kurzfilme und erhielt dafür kleinere Preise. Bei seinem ersten Langfilm Paper Flags war er erst 18 und konnte mit Noémie Merlant und Guillaume Gouix doch schon zwei bekanntere Namen des zeitgenössischen französischen Kinos gewinnen. Schon damals beschäftigte er sich mit komplizierten Familienbeziehungen, als ein frisch aus dem Gefängnis entlassener Mann zu seiner jüngeren Schwester zurückkehrt. Verbrechen gibt es in So sind wir, so ist das Leben, dem zweiten Film des Nachwuchsregisseurs, keine. Dafür aber noch mehr Familie und ein ganzes Geflecht aus Beziehungen, das zunächst nicht ganz leicht zu durchschauen ist.

Ambrosioni, der auch das Drehbuch geschrieben hat, wirft das Publikum mitten rein ins Geschehen. Informationen zu Tonis früherer Karriere als Sängerin kommen erst später, ebenso die Geschichte um den Vater. Mittendrin lernen wir in einer kurzen Szene auch Tonis Mutter (Catherine Mouchet) kennen, die Unterhaltung zwischen den beiden liefert das nächste Puzzlestück, wenn es darum geht, die Protagonistin zu verstehen. Wobei es ihr da gar nicht anders geht als den Zuschauern und Zuschauerinnen. Schließlich handelt So sind wir, so ist das Leben davon, wie eine Frau versucht, sich selbst zu finden und etwas aufzubauen, das tatsächlich sie ist – losgelöst von ihrer Rolle als Mutter. Losgelöst auch von den Bildern, die andere von ihr haben. Beispielsweise erfahren wir, dass sie eigentlich gar keine Lust auf das Singen hat, dabei aber den Erwartungen anderer zu entsprechen versuchte.

LEBENSNAH UND WUNDERBAR BESETZT
So sind wir, so ist das Leben erzählt dann letztendlich auch primär die Geschichte dieser Selbstentdeckung, wenn es Toni zunehmend gelingt, ihre eigenen Interessen zu vertreten. An manchen Stellen ist die Tragikomödie an einem größeren Bild interessiert, wenn es um die mangelnde Unterstützung der Protagonistin geht. Ihr Wunsch Lehrerin zu werden, wird nicht gefördert, der Weg in die Unabhängigkeit ist steinig. Diese eher allgemeinen Themen werden mit zahlreichen persönlichen Szenen verbunden, die von dem Zusammenleben der sechs handeln. Tatsächlich ist der französische Film über weite Strecken ein Slice-of-Life-Beitrag, der ganz alltägliche Momente zeigt. Man sieht die Familie beim Autofahren, wie sie beim Abendessen zusammensitzt oder sich gemeinsam einen Film anschaut. Dabei wird auch deutlich, wie eng der Zusammenhalt ist, selbst wenn zwischendurch die Fetzen fliegen.

Bemerkenswert ist dabei, wie es Ambrosioni gelingt, diese Familie sowohl als Kollektiv wie auch als Ansammlung von Individuen zu zeigen. Einiges davon ist überspitzt, eine dramatische Zuspitzung im späteren Verlauf darf nicht fehlen. Das meiste ist aber so schön lebensnah und zurückhaltend erzählt, dass es eine helle Freude ist, Zeit mit dem Haufen zu verbringen. So sind wir, so ist das Leben begeistert dabei durch das Zusammenspiel des Ensembles. Im Mittelpunkt steht natürlich Camille Cottin (A Haunting in Venice), die als Mutter alles zusammenhält. Aber auch ihre jungen Kollegen und Kolleginnen erledigen ihre Arbeit wundervoll. Vermutlich wird der leise Film im Kino eher untergehen, wenn die Leute gerade mehr als genug mit ihren eigenen Familien beschäftigt sind. Doch wer die Zeit findet, sollte diesem Geheimtipp eine Chance geben, dem es wie kaum einem Film der letzten Zeit gelingt, das Konstrukt Familie in all ihrer Schönheit aufzuzeigen, ohne es dabei zu idealisieren, wenn ständig Fehler gemacht werden, alle irgendwie kämpfen. Und so bleibt zu hoffen, dass der Filmemacher anders als seine Protagonistin seiner Kunst treu bleibt und uns noch weitere Werke schenkt.