Kino / Nachlese

Sorda – Der Klang der Welt

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ES 25, R: Eva Libertad, FSK: 12, 100 min

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

Ángela ist gehörlos, Héctor hörend, ein junges Paar, fröhlich und verliebt, um so mehr, als sie ihr erstes Kind erwarten. Ona soll es heißen, ein Mädchen. Doch je näher der Tag der Geburt rückt, desto unruhiger wird Ángela. Wie soll sie sich um Ona kümmern in einer Welt, die nicht für sie gemacht ist?  Wird Ona hören wie Héctor oder sein wie sie? Ihre kleine, beschützte Welt, die sich Ángela und Héctor geschaffen haben, bekommt Risse. Sie müssen es noch einmal versuchen. In der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte.

„Ángela ist bereit für die Welt, aber die Welt ist nicht bereit für sie.“
(Regisseurin Eva Libertad über ihre Hauptfigur)

Aufmerksam und ungeschönt, zärtlich und immer auf Augenhöhe mit seinen Protagonist:innen erzählt Autorin und Regisseurin Eva Libertad von der ungeahnten Herausforderung, als gehörlose Frau ein Kind in einer Welt voller Barrieren zu bekommen, von Begegnungen und Missverständnissen, Respekt und Verschiedenheit, von Liebe und Zerreißproben.

Das einfühlsame Drama berührt leise, aber eindringlich – ein Film über das Hören, das Verstehen und die leisen Spannungen zwischen Nähe und Anderssein.

Pressestimmen zum Film

Sorda – Der Klang der Welt (Kira Taszman, Filmdienst)

Eine gehörlose Frau bekommt mit ihrem hörenden Partner ein Kind und entdeckt, dass die Gesellschaft ihr als Mutter jede Menge Steine in den Weg legt.

Ángela ist mit ihrem Leben eigentlich zufrieden. Die gehörlose Enddreißigerin (Miriam Garlo) lebt in einer liebevollen Ehe mit ihrem hörenden Mann Héctor (Álvaro Cervantes) zusammen, der die Gebärdensprache erlernt hat. Auf der Arbeit ist die Keramikerin ganz in ihr Team eingebunden und fühlt sich angenommen und respektiert. Einige ihrer Kollegen können gebärden; sie selbst ist in der Lage, von den Lippen der anderen zu lesen.

Als Ángela schwanger wird, freut sie sich mit Héctor auf das Baby. Ihre Eltern sind allerdings weniger angetan; sie haben Angst, dass ihr Enkelkind auch gehörlos werden könnte. Eine Ärztin schätzt diese Möglichkeit auf 50 Prozent. So lastet bereits vor der Geburt viel Druck auf der werdenden Mutter.

Auch die Geburt gestaltet sich schwierig. Da Ángela die Schwestern nicht versteht, wenn sie sie nicht direkt ansehen oder wenn sie eine Maske tragen, erleidet sie neben den physischen Schmerzen zusätzlichen psychischen Stress. Doch das Kind ist gesund und hört normal. Die Großeltern sind glücklich, der Vater auch, doch Ángela fühlt sich zunehmend an den Rand gedrängt. Während sie bei der Türklingel oder dem Telefon einen visuellen Alarm installiert hat, ein rot blinkendes Licht, kann sie ihre kleine Tochter nicht hören, wenn sie ihr den Rücken zuwendet.

Ein komplexes Thema
Doch vor allem leidet die Beziehung von Ángela und Héctor. Sie fühlt sich von ihrem Mann nicht ausreichend unterstützt und wirft ihm unter anderem vor, dass er mit dem Kind nur verbal kommuniziere, aber nicht gebärdet. Héctor wiederum ist bei der Erziehung und im Haushalt sehr aktiv und findet, dass Ángela sich nicht ausreichend um das Baby kümmere. Denn sie flüchtet sich in die Arbeit, um den Konflikten zu Hause zu entkommen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Libertad widmet sich auf anschauliche Weise einem komplexen Thema. Ohne zu dramatisieren, stellt sie eine Protagonistin in den Mittelpunkt, für die die alltägliche Kommunikation nicht gemacht ist. Bei der Inklusion von Personen mit Behinderungen liegt in den westlichen Gesellschaften noch einiges im Argen. Wenn Ángela mit ihren gehörlosen Freunden zusammen ist, gilt sie als „normal“ und muss sich nicht rechtfertigen. Alle gebärden und verstehen die Probleme der anderen Gehörlosen in der hörenden Welt.

Doch sobald Ángela ihre „Safe Spaces“ verlässt, schlägt ihr Unverständnis entgegen. Wenn sie und Héctor hörende Freunde einladen, kann sie sich nur unzureichend mitteilen oder ist auf ihren Mann als Übersetzer angewiesen. Dann erfolgt ein peinliches Lächeln der Hörenden oder betretenes Schweigen. Auch in der Kinderkrippe ist Ángela unter den anderen Müttern isoliert. Denn ihre Hörgeräte fangen nur gewisse Töne auf. Ihr Hörvermögen reicht selbst mit der akustischen Hilfe kaum für Sprache aus. Also schauen die anderen Mütter leicht irritiert und geben sich nicht besonders Mühe, Ángela zu integrieren. Dasselbe passiert ihr bei Ärzten oder in Behörden. Außerdem spürt sie, dass viele Menschen sie generell unterschätzen und es ihr nicht zutrauen, sich ordentlich um das Baby zu kümmern.

Ganz unproblematisch ist ihre Situation mit dem Baby tatsächlich nicht, da sie nicht alle Gefahren wahrnehmen kann. Doch keiner ihrer hörenden Familienmitglieder oder Bekannten gibt sich wirklich Mühe, sie in konstruktive Lösungen einzubinden.

Aus der gehörlosen Perspektive
„Sorda“ ist vor allem aus Ángelas Perspektive erzählt. So kann das Publikum sich in sie hineinversetzen. Situationen von Hilflosigkeit und Frust spielt die ebenfalls gehörlose Schauspielerin Miriam Garlo genauso überzeugend wie die Momente von Mut und die Entschlossenheit ihrer Figur. Die anfängliche Verbundenheit des Paares zeigen Garlo und Cervantes in vielen alltäglichen Situationen – in der Wohnung, beim Kochen, bei Ausflügen. Dennoch kann Ángela von ihrem Partner nicht verlangen, dass er mit dem Kind nicht auf seine Weise spricht.

Der Film bringt so auch viel Verständnis für Héctor auf. Er platzt vor Stolz, als die Tochter ihr erstes Wort, „agua“, sagt. Doch er traut sich kaum, es seiner Frau zu erzählen; ihre Reaktion fällt dementsprechend auch lauwarm aus. Sie fühlt, dass die Erfahrungen der Kleinen sich zu sehr von ihren unterscheiden und bangt um die zukünftige Verbundenheit mit ihrer Tochter. Zwar haben andere unterschiedlich hörende Paare in ihrer Bekanntschaft vorgemacht, dass Kinder mit beiden Elternteilen gleich gut kommunizieren. Dennoch beobachtet sie auch, dass hörende Kinder sich für ihre tauben Elternteile schämen.

So entpuppt sich „Sorda“ als Plädoyer für alternative Formen der Kommunikation. Der Wille dazu ist allerdings nicht übermäßig vorhanden. Das wirft Ángela auch einem Verkäufer in einem Geschäft für Hörgeräte vor. Der Laden profitiert finanziell von ihrer Beeinträchtigung, doch der Mitarbeiter kann nicht gebärden und reagiert unwirsch auf ihre Sprechversuche.

Alles verschwimmt im Lärm
Während ein Film wie „Jenseits der Stille“, der vor allem ein Wohlfühlambiente verbreitete, es seinerzeit nicht schaffte, mit Untertiteln für ein gehörloses Publikum im Kino zu laufen, findet „Sorda“ am Ende einen überzeugenden Dreh: Die Zuschauer nehmen die Welt akustisch so wahr wie Ángela. Das bedeutet keine vollkommene Stille, aber eben nur angedeutete oder verzerrte Geräusche. Wenn Ángela in der Kita ihre Hörgeräte einsetzt und versucht, Sprache zu verstehen, scheitert sie. Denn das Gerät verstärkt alle Geräusche: Stühle werden gerückt, auf Töpfe eingeschlagen, mit Bobby-Cars gerollt – und schon verschwimmt für Ángela alles in einer Kakophonie aggressiver Geräusche. Ihr platzt fast der Kopf. Also nimmt sie die Hörgeräte wieder heraus.

Dennoch entlässt der Film nicht ohne Hoffnung. Hörenden muss klar werden: Das Streben nach vollkommener Anpassung an die hörende Welt, etwa durch unzureichende Hörgeräte, bringt Gehörlosen nichts. Nur Kommunikation in erweiterter Form, Verständnis und Geduld können Menschen wie Ángela weiterhelfen und auch den Horizont der Hörenden erweitern.


Sorda – Der Klang der Welt (Michael Meyns, Programmkino.de)

Sorda ist das spanische Wort für taub. Einen ganz funktionalen Titel hat Eva Libertad ihrem Debütfilm „Sorda – Der Klang der Welt“ also gegeben, der bei der Berlinale mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Verständlich, denn Libertad gelingt es überzeugend, einen Einblick in die Welt der Gehörlosen zu geben, aber auch zu zeigen, wie schwierig es für Hörende ist, sich richtig zu verhalten.

Seit einigen Jahren sind Ángela (Miriam Garlo) und Héctor (Álvaro Cervantes) ein Paar und meistern auch die besondere Schwierigkeit ihrer Verbindung: Ángela ist fast komplett gehörlos, während Héctor hören kann. Er hat Gebärdensprache gelernt, beherrscht diese Form der Kommunikation gut, wenngleich nicht so perfekt wie Ángela und ihre gehörlosen Freunde, die mit atemberaubender Geschwindigkeit kommunizieren. In solchen Momenten ist es Héctor, der sich etwas ausgeschlossen fühlt, der dann nur danebensitzt und versucht, dem Gespräch zu folgen.

Denn das Paar hat sein Leben fast vollständig auf Ángela zugeschnitten, die in einer Töpferei arbeitet, wo ihre Kollegen auch ein paar Worte Gebärdensprache können und ihr mit großer Sympathie begegnen. Doch nun ist Ángela schwanger, eigentlich ein freudiger Moment, der jedoch bald von der Sorge überschattet wird, ob das Baby gehörlos werden könnte.

Ángela selbst wurde hörend geboren, hat hörende Eltern und verlor ihr Gehör erst als Kind. Eine komplizierte Familienkonstellation, die nach der Geburt des Babys eskaliert: Bald wird klar, dass das Baby hören kann, es also auch in eine Kita gehen wird, in der die anderen Kinder ebenfalls hörend sind.

Als einziger gehörlose Elternteil fühlt sich Ángela dort zunehmend außen vor, nimmt es Héctor übel, wenn er einmal vergisst, nicht nur auf Spanisch mit dem Kind zu kommunizieren, sondern gleichzeitig auch Gebärden zu verwenden. Durch ihr hörendes Kind werden der gehörlosen Ángela schmerzhaft bewusst, dass es Hindernisse gibt, die kaum zu überwinden sind.

Autorin und Regisseurin Eva Libertad ist die Schwester von Hauptdarstellerin Miriam Garlo, die selbst gehörlos ist. Als Garlo darüber nachdachte, ein Kind zu bekommen, entstand der Gedanke, einen Film über das Thema zu drehen. Was zunächst ein Kurzfilm war, wurde von Eva Libertad nun zu einem abendfüllenden Film erweitert, der in mancherlei Hinsicht dokumentarisch wirkt.

Besonders authentisch wirken Szenen, an denen Ángela und ihre gehörlosen Freunde am Tisch sitzen, aber auch Momente im Kindergarten oder auf Spielplätzen, in denen Ángela mit ihrer Isolation kämpft, zumal sie nur ungern ein Hörgerät trägt, dass ihr zumindest einen gewissen Zugang zur Welt der Hörenden geben würde.

Diese Welten filmisch darzustellen war eins der Ziele von Libertad, die sie auf zwei Arten zu erreichen versucht. Zum einen verwendet sie sogenannte SDH-Untertitel (Subtitles for the Deaf and Hard of Hearing), die normalerweise etwa bei DVDs oder Blurays bewusst zugeschaltet werden können, hier aber integraler Teil der Filmkopie sind. Auch wenn für Hörende also Geräusche wie Hundegebell oder Vogelgezwitscher zu hören ist, sind dennoch Untertitel zu sehen, in denen auf die Geräusche hingewiesen wird.

Ein für Hörende jedoch besonders beeindruckender Effekt beginnt, als nach einem heftigen Streit zwischen Ángela und Héctor, die akustische Perspektive der Gehörlosen eingenommen wird. Auf einmal besteht die Tonspur des Films nur noch aus Rauschen, ist mal ein dumpfes Klopfen zu hören und dann, als Ángela ihr Hörgerät einschaltet, grelle Töne, verzerrte Geräusche, zwar auch wahrnehmbare Sätze, all das aber in einer metallischen, unangenehmen Form, die verständlich werden lässt, warum diese Form des Hörens vor allem anstrengend ist.

Gerade diese Szenen zeigen spürbar oder besser hörbar, welche Schwierigkeiten auch noch so wohlmeinende Versuche haben, zwischen den Welten der Hörenden und Gehörlosen zu vermitteln. Sich wirklich vorzustellen, wie die andere Seite sich fühlt ist auch bei großer Empathie nicht leicht und zwangsläufig ein Kompromiss. Mehr noch als das aufklärerische Element überzeugt „Sorda – Der Klang der Welt“ als emotionales Drama, das ohne Sentimentalitäten die Schwierigkeit einer Beziehung zeigt, bei denen zwei Welten kollidieren.