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Spaziergang nach Syrakus

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D 26, R: Lars Jessen, FSK: 6, 97 min
mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Torsten Merten

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

Einmal nach Syrakus und zurück – davon träumt Paul Gompitz (Charly Hübner). Mit einer Reise nach Sizilien will er auf den Spuren des Dichters Johann Gottfried Seume wandeln. Da gibt es nur ein Problem: Wir schreiben das Jahr 1982 und Paul lebt in der DDR. Alle Versuche, eine offizielle Genehmigung für seine Ausreise zu bekommen, scheitern. Eine Besuchsreise zu seiner Cousine? Die Mitgliedschaft in der Liga für Völkerfreundschaft? Eine Studienreise? Alles wird abgelehnt! Was bleibt ihm anderes übrig? Paul muss seine Flucht planen. Was die Sache nicht einfacher macht: Er will danach auch wieder nach Hause zurück. Zurück nach Rostock, zur Ostsee, zu seiner Frau Anne (Lina Beckmann). Paul ersinnt einen verwegenen Plan …

Regisseur Lars Jessen („Mittagsstunde“) erzählt in SPAZIERGANG NACH SYRAKUS von unstillbarer Sehnsucht und großem Mut, von tiefer Liebe und inniger Loyalität – und vom Wunsch, die Welt zu sehen, ohne die Heimat zu verlieren. Der Film entstand nach Motiven des Romans „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius (erschienen im Rowohlt Verlag), der wiederum auf der realen Flucht von Klaus Müller beruht. Mit feinem Humor und großen Emotionen blickt der Film auf deutsche Geschichte – und verhandelt dabei erstaunlich gegenwärtig das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Zugehörigkeit sowie die Frage, wie weit man gehen kann, ohne den anderen zu verlieren.

Eine Geschichte über Sehnsucht nach Freiheit und den Mut, zu weit zu gehen. Fast glaubt man, sie sei erfunden.

Eintritt: 8 € / erm. 6 €
Achtung: Aufgrund der Brückenbaustelle sind die Parkplätze direkt vor dem Haus begrenzt. Ausweichparkplätze stehen entlang der Bahnhofsstraße zur Verfügung.

Der Film läuft auch am Mi 14.10. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.

Pressestimmen zum Film

Spaziergang nach Syrakus

Von Swantje Seberg, kunstundfilm.de

Die Welt sehen, ohne die Heimat zu verlieren: Jahrelang plante ein Lebenskünstler seine Flucht aus der DDR, um nach Italien zu reisen – und zurückzukehren. Seine Geschichte verfilmt Regisseur Lars Jessen stimmig und einfühlsam; für die Hauptrolle ist Charly Hübner wie geschaffen.

Der Unterschied liegt im bestimmten Artikel. „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ ist ein Buch von Johann Gottfried Seume. Der hoch gebildete, aber recht arme Gelehrte und Schriftsteller war 1801/2 zu Fuß nach Sizilien und zurück gelaufen, um von ihm bewunderte Stätten der antiken Kultur mit eigenen Augen zu sehen. Sein Reisebericht wurde überraschend ein Bestseller der Goethezeit: Kein deutscher Autor zuvor hatte Italien derart down to earth beschrieben.

Zwei Jahrhunderte später findet dieses Buch immer noch begeisterte Leser. Einer von ihnen ist der gebürtige Dresdener Klaus Müller, der in den 1980er Jahren in Rostock lebte. Als Lebenskünstler hielt er sich damals mit Kellner-Jobs auf Ausflugs-Schiffen glänzend über Wasser. Müller verdiente in der Saison so viel, dass er im Winter nicht arbeiten musste, und konnte noch einiges Westmark-Trinkgeld abzweigen. Die Seume-Lektüre weckte sein Fernweh und seine Italophilie: Er wollte auf seinen Spuren ebenfalls bis Sizilien reisen.

Über die Ostsee nach Dänemark

Doch die wenigen in der DDR dafür möglichen Wege – Gruppenreise mit Massenorganisationen, Verwandten-Besuch in Westdeutschland – wurden Müller verwehrt. Also beschloss er, mit einer Jolle über die Ostsee nach Dänemark zu segeln – aber nicht zu fliehen, denn er wollte nach der Reise auf jeden Fall in seine Heimat zu seiner Frau zurückkehren. Diesen verwegenen Plan in die Tat umsetzen, kostete Müller sieben Jahre. Im Sommer 1988 gelang es ihm endlich; knapp eineinhalb Jahre später fiel die Mauer.

Motive aus Roman + Autobiographie

Wenig später wurde der westdeutsche Schriftsteller Friedrich Christian Delius auf Müller aufmerksam; er verarbeitete dessen Erfahrungen zum Roman „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“, der 1995 erschien. Abgesehen vom bestimmten Artikel und der Herkunftsbezeichnung im Titel hat dieses Buch auch sonst wenig mit Seumes Klassiker zu tun. Delius verwendet viele Seiten darauf, Müllers Vorbereitungen detailliert zu schildern – insbesondere Freizeitkapitäne kommen auf ihre Kosten. Die eigentliche Reise nach Italien, die sein Held Paul Gompitz aus Zeitgründen vorwiegend in Zügen absolviert, wird dagegen eher summarisch geschildert.

Nun hat Regisseur Lars Jessen, auf norddeutsche Stoffe und Themen spezialisiert, die Geschichte verfilmt: „Spaziergang nach Syrakus“ kommt ohne Artikel, Jahres- und Ortsangabe im Titel aus. Zurecht: Die Skript-Autoren Heide und Andreas Kersten greifen nur Motive aus Delius‘ Roman auf, reichern sie mit Elementen aus Klaus Müllers eigener Autobiographie von 2014 an und geben dem Ganzen einen eigenen Dreh.

Besser als die literarische Vorlage

Was dem Film gut bekommt: Aus einer maritimen Räuberpistole wird eine einfühlsame Reflexion über Reisen und Freiheit, aus dem Porträt eines kauzigen Nerds mit Segel- und Italien-Tick wird ein stimmungsvolles Sittenbild über die Endphase der deutsch-deutschen Teilung. „Spaziergang nach Syrakus“ ist der seltene Fall einer Leinwand-Adaption, die ihre literarische Vorlage um Klassen übertrifft.

Das liegt nicht zuletzt an Charly Hübner in der Hauptrolle. Wohl kein anderer deutscher Schauspieler könnte diesen Paul Gompitz so überzeugend verkörpern: ein nonkonformistischer Außenseiter, der schon als Schüler aneckte, daher nicht studieren durfte, aber sich alles Nötige autodidaktisch aneignet. Der nie um einen kessen Spruch verlegen ist und sich gewitzt durchschlawinert. Der das repressive System und das Eingesperrtsein in der DDR hasst, aber seine Heimat liebt – und seine Frau Anne (Lina Beckmann).

Eingehaltenes Versprechen hilft nichts

Ihr vielschichtiges Verhältnis zueinander, das bei Delius kaum eine Rolle spielt, wird im Film neben Pauls Italien-Fixierung zum zweiten Leitmotiv. Er, der ihre Beständigkeit bewundert – sie hat erst vor kurzem eine Datsche gekauft –, darf sie in seine Reisepläne nicht einweihen, um sie nicht zu gefährden. Und als sie diese doch herausbekommt, beteuert er unentwegt, er werde sie auf keinen Fall verlassen, wie immer es ihm ergehe. Ein Versprechen, das er zwar einhält, aber es hilft ihm nichts – die Weltgeschichte hat seinen Zeitplan durchkreuzt.

Was nur möglich ist, weil das Skript Pauls Ausreise von real 1988 um ein Jahr auf 1989 verschiebt. Das ist nur eine von etlichen Freiheiten, die sich der Film nimmt, wovon der Zuschauer profitiert. Im Buch ist die Italien-Rundreise, die Paul nach der Ankunft in Dänemark und wochenlangem Geldverdienen in der Bundesrepublik endlich antreten kann, nur ein punktuell skizzierter Trip – mehr Desillusionierung über heutigen Massentourismus als Genuss südlicher Gefilde.

Träume auskosten + Verlust verkraften

Im Film kostet Charly Hübner die Erfüllung seiner Träume voll aus: von einer Alpen-Überquerung per pedes über allerlei Begegnungen mit freundlichen und hilfsbereiten Italienern bis zum ergriffenen Sinnieren an der sizilianischen Küste. Von all dem findet sich bei Delius kein Wort – umso besser: Solche Glücksmomente erlauben Paul und dem Publikum, den finalen Verlust besser zu verkraften.