Kino / Nachlese

Stiller

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D 24, R: Stefan Haupt, FSK: 12, 99 min

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

Bei einer Zugreise durch die Schweiz wird der US-Amerikaner James Larkin White (Albrecht Schuch) an der Grenze festgenommen. Der Vorwurf: Er sei der vor sieben Jahren verschwundene Bildhauer Anatol Stiller, der wegen seiner Verwicklung in eine dubiose politische Affäre gesucht wird. White bestreitet seine Schuld und beharrt darauf, nicht Stiller zu sein. Um ihn zu überführen, bittet die Staatsanwaltschaft Stillers Frau Julika (Paula Beer) um Hilfe. Aber auch sie vermag ihn nicht eindeutig zu identifizieren, in Erinnerungen wird aber mehr und mehr die Beziehung des Ehepaars offengelegt. Auch der Staatsanwalt hat eine überraschende Verbindung zu dem Verschwundenen. Was ist damals genau passiert und wer ist Stiller wirklich?

Sorgfältige, klug gestraffte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Max Frisch.

Wir sind, was die anderen in uns sehen wollen. Oder werden es. Können wir diesem Bild jemals entkommen? (Die Welt)

Der Film läuft auch am Mi 28.01. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.

Pressestimmen zum Film

Stiller (Knut Elstermann, radioeins)

Zum ersten Mal kam einer der bedeutendsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts auf die Leinwand – „Stiller“ von Max Frisch, verfilmt von seinem Schweizer Landsmann Stefan Haupt. („Zwingli“).

„Ich bin nicht Stiller!” mit dieser Identitätsverweigerung beginnt das Buch und das ist auch die Ausgangslage des klugen Films. Ein Amerikaner (Albrecht Schuch) taucht an der Schweizer Grenze auf, wird verhaftet, die Polizei glaubt, er sei der verschwundene Bildhauer Stiller. Selbst Stillers Frau (Paula Beer) ist sich unsicher.

Es war ein guter Einfall von Stefan Haupt, den Bildhauer in den Rückblenden mit einem anderen Schauspieler (Sven Schelker) zu besetzen, so wird die Irritation perfekt. Mit seinen hervorragenden Schauspielern arbeitet der Regisseur die Aktualität des Buches aus den 50er Jahren heraus, wobei er sich auf das Wesentliche konzentriert und sehr verdichtet: In unseren Zeiten der ständigen Simulationen von Persönlichkeit, der vorgespiegelten Identitäten wird „Stiller“ zu einem Gegenwartsroman, auch wenn es noch kein Insta und TikTok gibt.


Stiller (Irene Gernhart, Filmdienst)

Sorgfältige, klug gestraffte Verfilmung des Romans von Max Frisch um einen Amerikaner, der in der Schweiz festgenommen wird und vehement abstreitet, ein untergetauchter Bildhauer zu sein.

„Ich bin nicht Stiller“, schreibt der Protagonist von Max Frischs Roman „Stiller“ zu Beginn in ein blankes Notizheft, das man ihm mit in die Zelle gegeben hat. „Ich bin nicht Stiller“, sagt ziemlich am Anfang von Stefan Haupts Verfilmung auch ein per Zug in die Schweiz einreisender Mann. Den Pass, den er mit sich führt, weist ihn als US-Amerikaner mit Namen James Larkin White (Albrecht Schuch) aus. Doch die kontrollierenden Beamten sind misstrauisch. Mitreisende nämlich meinten, in White den Zürcher Bildhauer Anatol Stiller zu erkennen. Der ist vor sieben Jahren spurlos verschwunden, soll aber in eine Politaffäre verwickelt gewesen sein und ist zur Fahndung ausgeschrieben.

Damit ihnen der möglicherweise Straffällige nicht durch die Lappen geht, nimmt die Zürcher Polizei White in Untersuchungshaft. Fortan setzen Staatsanwalt Rolf Rehberg (Max Simonischek) und Pflichtverteidiger Dr. Bohnenblust (Stefan Kurt) alles daran, dessen Identität zu klären. Doch White bleibt stur bei seiner Behauptung. Und selbst Menschen, die Stiller früher gut kannten oder sich gar seine Freunde nannten, sind sich bei einer Gegenüberstellung nicht sicher, ob White Stiller ist oder nicht. Selbst Stillers Frau Julika (Paula Beer), die nach einer Tuberkulose-Erkrankung ihre Karriere als Tänzerin aufgab und nun eine Ballettschule in Paris betreibt, weiß nach der Reise nicht, ob White ihr verschollener Gatte ist – oder nicht.

Identitätsfindung eines Mannes
Um Identität und Identitätsfindung also geht es in „Stiller“ – dem Roman und dem darauf beruhenden Film. Um die Selbstwahrnehmung eines Mannes und seine Selbstdarstellung und darum, wie seine Mitmenschen ihn wahrnehmen. Es geht um (innerliche) Subjektivität und (äußerliche) Objektivität, letztlich auch um die Frage, ob sich Menschen durch gewisse Ereignisse im Laufe der Zeit charakterlich verändern, ob sich solche Veränderungen allenfalls durch eigene Willenskraft herbeiführen lassen und inwiefern diese Veränderungen in ihrem Verhalten und Erscheinungsbild für andere sichtbar werden.

Das sind komplexe Fragen und Themen, die die Menschheit wohl seit jeher beschäftigen. Und sie dürften beim Erscheinen von Frischs Roman nur neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, in denen nicht nur jeder Einzelne, sondern die Gesellschaft insgesamt kriegerische Traumata verarbeiten und sich neu definieren musste, ebenso aktuell gewesen sein wie in der heutigen Zeit.

Frischs in Ich-Form gehaltener Roman hält mit Kritik an Zeitgeist und der Schweiz nicht zurück. Er ist über 400 Seiten stark und hat seinem bis dahin als Architekten tätigen Autor im Alter von 45 Jahren den Durchbruch als Literat gebracht. Der Roman wurde in 34 Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft und steht noch heute auf der von „Die Zeit“ geführten Liste der hundert besten Bücher. Und er galt bisher – obwohl es verschiedene Versuche gab, ihn für die Leinwand aufzubereiten – als nicht verfilmbar.

Mit Stefan Haupt aber hat sich unter den Schweizer Filmemachern nun derjenige „Stillers“ angenommen, der sich verschiedentlich schon an historische Stoffe wagte, vor denen andere zurückschreckten. In seiner 2014 erschienenen Doku-Fiktion „Der Kreis“ schilderte er die Blütezeit und den Niedergang der Zürcher Schwulenorganisation gleichen Namens, die sich von 1943 bis 1967 vehement für die Rechte der Homosexuellen engagierte. Sein fünf Jahre später entstandener „Zwingli“ drehte sich um die letzten zwölf Jahre des Reformators Huldrych Zwingli und sein Wirken in der Stadt Zürich ab 1519.

Junge Kräfte drängen vorwärts
Und nun also „Stiller“. Ein Film nach einem Roman, dessen Erzählung sich nicht um konkrete historische Ereignisse dreht, der aber sehr präzise den Geist und Kolorit der Zeit schildert, in der er spielt. Junge Kräfte drängen in der Schweiz stürmisch vorwärts, die Bewusstwerdung über das (retrospektiv beurteilt) „zweifelhafte“ Nationalverhalten während der Kriegsjahre schwingt latent mit.

Anatol Stiller, von Sven Schelker in den Rückblenden des Films sehr konzis und einfühlsam gespielt, ist Bildhauer von Beruf und ganz Kind seiner Zeit. Er feiert berufliche Erfolge, kann sich an diesen aber nicht richtig freuen. Er hat etwas Zerbrechlich-Zartes an sich, das (vor allem) Frauen für ihn einnimmt, er kann aber auch impulsiv und hart sein, wirkt manchmal fast autistisch. Was ihn herunterreißt und bedrückt, unter seinem Freundeskreis aber als Anekdote kursiert, ist die Erzählung über seinen Freiwilligen-Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg, bei dem er sich als unfähig erwies, Francos Anhänger aus dem Hinterhalt zu töten.

Die Handlung von Haupts Film umfasst außerdem die Zeit von Whites Inhaftierung bis zu seiner Freilassung. Sie dreht sich um die Ermittlungen um Whites Identität, zeigt White bei Befragungen durch Staatsanwalt und Pflichtverteidiger und bei mehrmaligen Treffen mit Julika, der man irgendwann erlaubt, ihn auch außerhalb des Gefängnisses zu treffen. Und dann ist da noch der Gefängniswärter Knobel (Marius Ahrendt), dem White immer wieder von seinem abenteuerlichen Leben in Amerika erzählt. Was vor Whites Inhaftierung geschah – Stillers Leben bis zu seinem Verschwinden und seine Beziehung mit Julika, aber auch Whites Vergangenheit in den USA – wird in Erzählungen und kurzen Rückblenden in den Film eingebracht. Den letzten, mit „Nachwort des Staatsanwalts“ überschriebenen Teil von Frischs Roman, der nach Whites Freilassung spielt, spart der Film aus.

Einem Publikum von heute zugänglich
An der Herausforderung, die Handlung eines über 400 Seiten langen Romans in 99 Minuten vollständig wiederzugeben, muss Haupts „Stiller“ scheitern. Geglückt ist es ihm aber, einen vor siebzig Jahren erschienenen, zeitgeistigen Roman und das darin Enthaltene einem (auch jüngeren) Publikum von heute zugänglich zu machen. Das liegt zum einen an der geschickten Umsetzung des Romans in einer filmisch verknappten Form – viele von Whites Erzählungen zum Beispiel sind im Film nicht zu finden. Und es liegt im Fall von „Stiller“, wo es um schillernde, nicht endgültig festgeschriebene und ineinander übergehende Identitäten geht, auch daran, wie diese im Film visualisiert sind.

Auch das hat Haupt, der mit Sven Schelker und Albrecht Schuch seine Protagonisten mit nicht nur vom Aussehen, sondern auch in ihrer schauspielerischen Energie vergleichbaren Darstellern besetzte, durchaus clever gelöst. Überhaupt sind die Schauspieler herausragend. Das gilt in weiteren Rollen nicht nur für Paula Beer, die als Julika im Zusammenspiel mit Schelker genauso überzeugt wie in den Begegnungen mit Schuch, sondern auch für Marius Ahrendt, der als Gefängniswärter Knobel White regelrecht an den Lippen hängt. Und es gilt für Marie Leuenberger in der kleinen Rolle der Staatsanwaltsgattin Rehberg, die mit Stiller eine kurze, aber heftige Affäre hat.

Ein ganz großer Wurf ist Stefan Haupts „Stiller“ nicht. Aber es ist zweifellos eine durchaus gelungene und sehenswerte filmische Adaption von Frischs vielleicht erfolgreichstem Roman.


Glänzende Schauspielleistung: Max-Frisch-Roman „Stiller“ zum ersten Mal verfilmt
(Julia Haungs, SWR)

Mit „Stiller“ gelang Max Frisch 1954 der Durchbruch als Schriftsteller. Der Roman erzählt von einem Künstler, der mit sich selbst hadert und sich schließlich als ein anderer ausgibt. Die Kinoversion macht aus dem sperrigen Roman eine zugängliche Geschichte über die Sehnsucht, sich selbst zu entkommen.

„Ich bin nicht Stiller“
Ein Mann wird 1952 im Zug nach Zürich verhaftet. Mitreisende glauben, in ihm den gesuchten Bildhauer Anatol Stiller erkannt zu haben. Er soll in eine Spionageaffäre verwickelt sein. Doch der Mann, der sich James Larkin White nennt, beharrt darauf, nicht Anatol Stiller zu sein. Anfangs wirkt es, als sei der Mann in einen kafkaesken Alptraum geraten: Denn wie soll man beweisen, dass man jemand nicht ist?

Spiel mit der eigenen Identität
Im Fall des vermeintlichen Stiller wird dessen Ehefrau Julika, eine ehemalige Balletttänzerin, ins Gefängnis beordert. Sieben Jahre zuvor hat ihr Mann sie von einem Tag auf den anderen verlassen. Seitdem war er verschwunden. Jetzt soll sie ihn identifizieren.

Das Spiel mit der eigenen Identität ist der Kern einiger Max Frisch-Romane, so auch in „Stiller“. Kann man das ungeliebte Ich abstreifen wie eine Hülle?

Geschickter Regie-Kunstgriff
Wie weit kann man sich selbst neu erfinden? Und wer bestimmt eigentlich, wer man sein darf, kann oder muss? Während es im Roman bald klar ist, dass es sich bei White um Stiller handelt, lässt der Film diese Frage lange offen.

Zu diesem Zweck verwendet der Schweizer Regisseur Stefan Haupt einen geschickten Kunstgriff. In den Rückblenden wird Stiller in manchen Szenen von Sven Schelker gespielt, der Hauptdarsteller Albrecht Schuch sehr ähnlich sieht, dann ist es plötzlich Schuch selbst.

Ist er es oder ist er es nicht?
Als Zuschauer fragt man sich ständig irritiert: Ist er es nun oder nicht? Zumal Albrecht Schuch seine ganze Wandlungsfähigkeit einbringt.

So erscheint einem dieser rätselhafte Mann ständig in anderem Licht. Offenbar weiß nicht einmal er selbst genau, warum er zurückgekehrt ist und wie es nun weitergehen soll.

Verzweifelt an den eigenen Ansprüchen
Albrecht Schuch liefert die Charakterstudie eines Menschen, der an seinem Selbstanspruch als Mann und Künstler verzweifelt. Der Egozentriker, der seiner Frau den Bühnenerfolg nie gönnte und sie betrog, als sie todkrank war, versucht, sich von seinem toxischen Ich zu emanzipieren.

Im Zusammenspiel mit Paula Beer als Julika ergibt sich das Porträt eines Künstlerpaars, das nach einer Beziehung voll emotionaler Verletzungen versucht, den Anderen neu kennenzulernen.

Verfilmung überzeugt, wenn auch mit weniger Tiefgang als der Roman
Im Vergleich zu Frischs 400 Seiten-Roman ist die Verfilmung überraschend unanstrengend, allerdings fällt auch einiges unter den Tisch, zum Beispiel die beißende Kritik an der spießigen Schweiz der 1950er-Jahre. Oder die Abenteuergeschichten, die Stiller als Amerikaner White über sich erfindet.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Stefan Haupt beschränkt sich zudem auf die erste Hälfte des Romans. Daraus macht er eine zugängliche Geschichte über den Versuch einer Selbst- und Paarfindung mit zwei großartigen Hauptdarstellern, die den Film auch über manche Länge hinwegtragen.