Kino

Verflucht normal

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GB 25, R: Kirk Jones, FSK: 12, 121 min
Vom Regisseur von „Lang lebe Ned Devine!“, mit Robert Aramayo, Shirley Henderson, Maxine Peake und anderen

Kneipe mit kleinem Speisenangebot ab 18 Uhr

Dass die Queen ein unkontrollierbares „Problemkind“ mal mit dem Orden des British Empire auszeichnen würde, damit hätte wohl niemand gerechnet, am allerwenigsten John Davidson selbst. In den frühen 1980er Jahren wächst John (Scott Ellis Watson) in einer schottischen Kleinstadt auf. Im Alter von 12 Jahren beginnt unter heftigen Nerven-Tics zu leiden. Unter der erst Jahre später als Tourette-Syndrom diagnostizierten Erkrankung wird sein Leben zu einem endlosen Spießrutenlauf.

Mit Mitte 20 lebt John (Robert Aramayo) noch bei seiner Mutter (Shirley Henderson). Die Nebenwirkungen der starken Medikamente auf die er angewiesen ist, rauben ihm fast jeden Lebensmut, als die zufällige Begegnung mit seinem Schulfreund Murray und dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) endlich eine Wendung bringt. Dottie ist Krankenschwester und akzeptiert John, so wie er ist. Sie nimmt ihn in ihrer Familie auf und findet sogar einen Job für ihn als Assistent des Gemeindezentrum-Hausmeisters Tommy (Peter Mullan). Ein aberwitziges Vorstellungsgespräch, bei dem Tommy wie kein anderer auf Johns Tics reagiert, legt den Grundstein für eine innige Freundschaft. Langsam findet John den Mut und die Zuversicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und erkennt, wie wertvoll seine Erfahrungen auch für andere sind.

Als perfekte Mischung aus sozialrealistischem Drama und warmherziger Underdog-Komödie vereint VERFLUCHT NORMAL gleich zwei große britische Kinotraditionen. Basierend auf dem Leben des realen John Davidson, erzählt „LANG LEBE NED DEVINE!“-Regisseur Kirk Jones in seinem emotionalen Biopic mit viel Humor und großer Wärme davon, wie John trotz Ausgrenzung und mangelndem Verständnis aufgrund seiner Tourette-Erkrankung seinen Weg findet und zur Inspiration für andere wird.

„EIN ERSTAUNLICHER FEEL-GOOD FILM“ – THE TIMES

„LUSTIG, INTENSIV UND VOLLER HERZ.“ – THE GUARDIAN

„HERRLICH UND HERZERWÄRMEND“ – THE TELEGRAPH

Der Film läuft auch am Mi 16.09. | 19:30 Uhr im Kronenkino in Zittau.

Pressestimmen zum Film

„Verflucht normal“: Vom Tourette-„Freak“ zum Vorbild

NDR.de // Walli Müller

Im Drama „Verflucht normal“ spielt der Brite Robert Aramayo einen jungen Mann, der am Tourette-Syndrom leidet. Regisseur Kirk Jones ist ein bewegender Film darüber gelungen, wie „anders“ plötzlich ganz normal sein kann.

Ein prunkvoller Palastsaal in Edinburgh; gleich wird die Queen den Orden des British Empire verleihen – unter anderem an den Schotten John Davidson, der sie beim Betreten des Saales so begrüßt:

„Fuck the Queen! Tschuldigung allerseits. Tschuldigung, Majestät!“

2019 erntet er für den Kraftausdruck nur noch ein wohlwollendes Lächeln. Inzwischen weiß jeder: John Davidson leidet am Tourette-Syndrom, einer neuropsychiatrischen Erkrankung, die motorische und verbale Tics mit sich bringt. Ausgezeichnet wird er für seinen jahrelangen Einsatz, die Krankheit bekannt und Betroffenen das Leben damit erträglicher zu machen. Denn, wie der Film nun rückblickend erzählt, sein eigenes war lange Zeit unerträglich.

Herzzerreißende Geschichte eines Außenseiters

Mit zwölf Jahren entwickelt John im Schulunterricht plötzlich nervöse Tics. Zusammenreißen soll er sich, sagen Lehrkräfte, Direktor, Eltern, die ihm schlechtes Benehmen unterstellen – weil sie an Krankheit nicht denken, wenn einer zuckt, spuckt, um sich schlägt und flucht in der Schule oder daheim am Esstisch. „Koprolalie“ ist das Fachwort für den unkontrollierbaren Drang, Schimpfwörter oder Obszönitäten von sich zu geben. John gehört zur Minderheit der Tourette-Patienten, die auch damit noch geschlagen sind.

Was für ein entsetzliches Missverständnis, wenn eine Krankheit nicht erkannt, der Betroffene aber für die Symptome abgestempelt wird! Zu diesem Zeitpunkt ist der Film nur Drama. Es ist herzzerreißend zu sehen, was John in seiner Jugend in den 1980er-Jahren durchmachen muss: gehänselt, bestraft, ausgegrenzt als unverbesserlicher Freak, dem auch kein Schulabschluss mehr ermöglicht wird. Jahre später – die Eltern sind getrennt, John ist Mitte 20 und lebt immer noch bei seiner Mutter – hat er immerhin eine medizinische Erklärung für sein Verhalten:

„Es ist wie so ein Impuls in meinem Gehirn, der mich Sachen machen lässt. Oder schlimme Dinge sagen. Es heißt Tourette-Syndrom.“
„Ist doch gut, dass sie wissen, was es ist.“
„Ja! Die ersten Tage war’s super – bis sie gesagt haben, dass es keine Heilung gibt.“
„Scheiße, John. Tut mir leid.“

Wenn Tics „verflucht normal“ werden

Die Wiederbegegnung mit seinem alten Schulfreund Murray wird für John zum Wendepunkt. Denn dessen Mutter Dottie hat als Krankenschwester in der Psychiatrie Erfahrung mit Tourette-Patienten und ist die erste in Johns Leben, die richtig gut damit umgehen kann.

Nicht nur erfährt John erstmals im Leben Wärme und Zuspruch. Die Krankheit wird nun – bei all ihrer Tragik – im Film auch von einer komischeren Seite gezeigt, seine Tics als „verflucht normal“! John findet nun auch beruflich ein Zuhause – als Hausmeister-Gehilfe in einer Kirchengemeinde.

Tourette im Film: Zwischen Repräsentation und Schauspielkunst

Peter Mullen spielt den empathischen Hausmeister, Robert Aramayo absolut glaubwürdig John mit all seinen Tics. Wobei man natürlich sagen könnte: Wieder mal typisch, dass ein Schauspieler Preise für die Darstellung einer Behinderung bekommt. Aber Regisseur Kirk Jones hat sich das gut überlegt. Alle Tourette-Patienten in Nebenrollen sind mit tatsächlich Betroffenen besetzt. Für die Hauptrolle aber, sagt er, habe er einen professionellen Darsteller gebraucht.

Aramayo habe sich von John Davidson persönlich für die Rolle coachen lassen: „Er hat fast acht Wochen bei John in Galashiels gewohnt, ist mit ihm zur Arbeit gegangen, hat mit ihm gechillt und Fernsehen geschaut. Das ist ja keine herkömmliche Filmfigur. Robert musste wirklich alle Nuancen von Johns Verhalten studieren. Wie seine Tics aussehen, wann sie auftreten, was sie auslöst.“

„Verflucht normal“: Sozialdrama trifft auf Brit-Komödie

Kirk Jones vereint in „Verflucht normal“ den Realismus des britischen Sozialdramas mit der Leichtigkeit einer Brit-Komödie – und trifft mit der Geschichte des liebenswerten Außenseiters mitten ins Herz. Die Lebensgeschichte von John Davidson, der aller Demütigung und Abwertung zum Trotz die Kraft findet, für Akzeptanz zu kämpfen, ist zutiefst berührend.


Verdammt berührend

DIE ZEIT //  Yannic Vitz

Das Leben eines Mannes mit Tourette-Syndrom dürfte doch eigentlich kein Stoff für einen Feelgood-Film sein. Aber »Verflucht normal« ist genau das. Sogar ein echt guter.

Gleich einem unterdrückten Niesen, das sich gewaltsam seinen Weg bahnt, umso stärker, je mehr man es unterdrückt: So flucht und beleidigt John, schreit jeden sozial unerträglichen, normalerweise unangebrachten Gedanken gewaltsam heraus. Für alle hörbar, ob im Supermarkt oder in der bevölkerten Fußgängerzone.

John Davidson hat Koprolalie, eine besonders heftige Form der neuropsychiatrischen Erkrankung Tourette, bei der Betroffene auch unkontrollierbare vulgäre Ausdrücke von sich geben. Bei den britischen Filmpreisen Bafta kam es deshalb zum Eklat. Davidson schrie das N-Wort aus dem Publikum, als die Schauspieler Delroy Lindo und Michael B. Jordan, beide Schwarze, auf der Bühne standen. Davidson verließ den Saal. Wütende, verletzte, entschuldigende Stellungnahmen folgten. Der britischen Öffentlichkeit ist Davidson schon seit rund vier Jahrzehnten bekannt: 1971 geboren, wurde er durch eine BBC-Dokumentation (John’s Not Mad, 1989) berühmt, die ihm als Teenager durch die Straßen seiner Heimat Galashiels folgte, einer Kleinstadt unweit der schottisch-englischen Grenze. Selbst die Queen nahm irgendwann Notiz von ihm und überreichte ihm 2019 den Orden Order of the British Empire für seinen Einsatz zur Aufklärung über Tourette.

Die hohe Ehrung für Davidson in den goldenen Hallen des royalen Palastes Holyroodhouse in Edinburgh ist dann auch der szenische Ausgangspunkt von Verflucht normal, der Spielfilmadaption von Davidsons im vergangenen Jahr erschienener Autobiografie I Swear. In der Szene sieht man eben nicht zuerst den Saal mit den Gästen und den uniformierten Adjutanten ihrer Majestät, sondern John, wie er im marmornen Vorzimmer nervös auf- und abläuft. Er weiß ja nur zu gut, was dann kommt. John betritt das Festzimmer, die Kammermusik ebbt ab. »Fuck the Queen«, schallt es, alle drehen sich um, und es passiert: nichts. Wie toll! Was in der Verfilmung des englischen Regisseurs Kirk Jones (Everybody’s Fine) nicht zu sehen ist: Einer der Royal Archers, der zeremoniellen Leibwachen, legte John Davidson die Hand auf die Schulter und sagte: »Sie weiß über Ihren Zustand Bescheid.« Und das spürt man, auch ohne es auf der Leinwand zu sehen. Wir können aufatmen, beherzt lachen und uns auch ein wenig freuen.

Verflucht normal folgt zunächst der herkömmlichen Dramaturgie eines britischen Feelgood-Films – ein Schicksalsschlag inmitten kleiner Einfamilienhäuser, eine Geschichte, die mit exzentrischen Charakteren und trockenem Humor bewältigt wird. Tourette zerreißt zuerst die fußballerischen Kindheitsträume, dann die Schullaufbahn und zuletzt die Familie des 13-jährigen John (als Laie gecastet eine Entdeckung: Scott Ellis Watson). Als jungem Erwachsenem gibt Dottie (Maxine Peake), die todkranke Mutter eines früheren Schulkumpels, John dann neuen Lebensmut; der Job im örtlichen Gemeindezentrum bringt ihn unter die Fittiche des Hausmeisters Tommy (Peter Mullan), der ihn ermutigt, aus seinen Erfahrungen mit Tourette eine aufklärerische Mission zu machen. Dazu singen Oasis Stop Crying Your Heart Out, als wollten sie auf aufkommende Emotionen hinweisen.

Der erwartbare Spannungsbogen stört nicht im Geringsten. Und das liegt zuallererst an der wundervoll nahbaren Darbietung von Robert Aramayo, der den erwachsenen John spielt und für die Rolle mit einem Bafta als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Er verleiht Johns Verzweiflung und Ohnmacht Würde, wenn dieser sich in der Vereinsamung aufgegeben hat. Von feelgood bleibt eben nicht viel übrig, wenn John, zusammengeschlagen und schwer verletzt, im Krankenhaus in einer beklemmenden Draufsicht gefilmt wird, sodass man Angst hat, dass seine physischen Ticks die Halskrause bersten lassen. Aramayos sanfte, gutmütige Ausstrahlung ist es auch, die die ruhigen Dialoge im Film so berührend wirken lässt: wenn etwa der Teenager Lucy (Andrea Bisset, wie ein Drittel der Darsteller hat auch sie Tourette) in einer ungeschnittenen Einstellung auf kargen Plastikstühlen vor einer backsteinroten Mauer das erste Mal mit John spricht, überhaupt mit irgendwem, der dieselbe angeborene Erkrankung hat, und sie einander in wenigen Worten zu verstehen geben, was es heißt, diese Bürde zu teilen und nicht mehr alleine tragen zu müssen.

Regisseur Kirk Jones soll den Film mit dem Verkauf seines Hauses finanziert haben, damit die Schimpfwörter nicht von einer Produktionsfirma aus dem Skript gestrichen werden. Peinlich berührt oder voyeuristisch befreit – wir sollten deshalb John beim Wort nehmen, wenn dieser sich ganz emanzipiert über das »schöne Echo« freut, das einer seiner wortgewaltigen Ausbrüche just bei seinem Bewerbungsgespräch im Community Center hervorruft. Für Johns Leben ist dieser Job ein Wendepunkt, aber nur, weil ihm mit Tommy jemand gegenübersitzt, der nicht pikiert ist. Jemand, der sich vielleicht sogar ein wenig darüber freut, dass die artifizielle Höflichkeit der Situation gesprengt wird. So wie wir uns auch freuen.